Das gefallene Land

vor 5 Monaten

Das gefallene Land
Bildquelle: Apollo News

Die Kinder werden grade niedergetrampelt“ – hallt es durch Videoaufnahmen von den Menschenmassen, die im August 2021 versuchten, auf das Gelände des Flughafens in Kabul vorzudringen. Geschrei, Geschubse, Rauchgranaten, weinende Kinder, dazwischen Soldaten mit Maschinenpistolen. Verzweifelte Menschen versuchten, trotz Stacheldraht über die Mauern zu klettern. Unmengen rennen neben startenden Air-Force-Maschinen mit, klammern sich daran fest. Bilder von Menschen, die in den Tod stürzen, und von Frauen, die inmitten der Massen sexuell missbraucht wurden, gingen damals um die ganze Welt. Genau wie Nachrichten über Selbstmordattentäter, die Soldaten und Zivilisten bei der Evakuierung in den Tod rissen.

Der Abzug aus Afghanistan war ein Desaster mit unzähligen Toten und Verletzten. Was danach folgte, war eine noch größere Katastrophe: Die Taliban rissen die Macht in ganz Afghanistan an sich – und verwandeln das Land mehr und mehr in einen mittelalterlichen islamistischen Terrorstaat. Unter der Scharia werden Frauen sämtliche, ihnen noch verbliebenen Rechte sukzessive abgesprochen. Sie sind Eigentum, keine freien Menschen. So wurde unter den Augen der Weltöffentlichkeit erst kürzlich ein neues Strafgesetzbuch der Taliban erlassen, in dem Gewalt und Unterdrückung zu Gesetz erklärt werden – zum Willen Allahs. Es unterteilt Menschen in Schichten und Klassen, nach denen sich auch das Strafmaß richtet: in religiöse Gelehrte, noble Eliten, die Mittelschicht und die Unterschicht – aber auch in freie Menschen und Sklaven („ghulam“).

Der „Criminal Procedure Code for Courts“, der vom Taliban-Führer Hibatullah Akhundzada unterzeichnet ist, wurde von mehreren Menschenrechtsorganisationen veröffentlicht. Die Details sind grotesk: So dürfen Männer ihre Frauen schlagen, solange es keine „gebrochenen Knochen oder offenen Wunden“ gibt – es ist also alles erlaubt, solange man keine schweren Verletzungen von außen sehen kann. Da Frauen sowieso bis auf einen kleinen Augenschlitz zwangsverschleiert sind, fragt man sich ohnehin, wie das ablaufen soll – dass eine Frau sich gegen den Willen ihres Mannes an die Gerichte wendet, um ihre Misshandlung anzuprangern. Kaum vorstellbar, in dem Wissen, was ihr droht. Doch selbst wenn: Einem Mann drohen maximal 15 Tage Gefängnis – das ist die Höchststrafe bei nachgewiesenen schweren Verletzungen.

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