Börsenwoche: Kriegseskalation, Stagflationsängste

vor 4 Monaten

Börsenwoche: Kriegseskalation, Stagflationsängste
Bildquelle: Tichys Einblick

Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt auf Konstanz. Bei ihrer Sitzung am Donnerstag beließ sie den Einlagezins bei zwei Prozent. Das hatten zwar die meisten Beobachter erwartet, gleichwohl hätte es auch anders kommen können. Denn im Vergleich zur Sitzung vor vier Wochen hat sich das Umfeld fundamental verändert. Damals gingen Beobachter noch davon aus, dass die Leitzinsen 2026 stagnieren würden, inzwischen rechnen viele Analysten mit mindestens einer Erhöhung im Laufe des Jahres. Grund dafür sind die Inflationsrisiken, die infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten deutlich gestiegen sind. Die EZB selbst hat ihre Erwartungen deutlich nach oben angepasst. Statt mit 1,9 Prozent rechnet sie in diesem Jahr nun mit einer Teuerungsrate von 2,6 Prozent. Auch für 2027 hob die Notenbank ihre Prognose von 1,8 auf 2,1 Prozent an. Entscheidend sei, wie die Energiepreise auf die Verbraucherpreise durchschlügen und die Wirtschaft beeinträchtigten, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Die EZB steckt dabei in einer Zwickmühle: Sie ist zuallererst der Preisstabilität verpflichtet, aber wenn sie die Zinsen erhöht, belastet sie die Unternehmen und schwächt so das Wachstum. Die Prognose korrigierte Lagarde schon einmal nach unten: Statt 1,2 Prozent erwarte die EZB im Euroraum in diesem Jahr nur noch 0,9 Prozent Wachstum. Generell können Notenbanken höhere Öl- und Gaspreise nicht über die Zinsen in den Griff bekommen. Mit Zinsveränderungen können sie die Kreditvergabe ankurbeln oder abwürgen, nicht aber das Öl verbilligen. So gesehen ist nachvollziehbar, dass die Zentralbanken nun erst eine Warteposition einnehmen. Schließlich ist der Ölpreis seit Jahresanfang um rund 70 Prozent gestiegen. Bei anderen Gütern deuten sich ebenfalls erhebliche Preissteigerungen an. Zum Beispiel bei Nahrungsmitteln: Wegen der Blockade der Straße von Hormuz ist Dünger knapp und teuer. Hinzu kommen vom Krieg unabhängige Preistreiber: In Teilen Südeuropas hat es im Januar ungewöhnlich stark geregnet. Darunter leidet die Ernte von Obst und Gemüse, ein knapperes Angebot führt zu höheren Preisen.

Eine der goldenen Regeln beim Investieren lautet, nicht alles auf eine Karte zu setzen und die Risiken stattdessen möglich breit zu streuen. Doch was, wenn die Aktienkurse, die Edelmetallpreise und die Anleihenkurse – wie in den vergangenen Tagen – allesamt gleichzeitig fallen? Die Erklärung ist darin zu suchen, dass sich an den Finanzmärkten die Angst vor Stagflation breit macht: Geht ein Teuerungsschub mit einem konjunkturellen Abschwung einher, bleibt das nicht ohne Folgen für die Unternehmensgewinne. Gleichzeitig sind die Notenbanken durch den Teuerungsschub in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt. Eigentlich sollten dann wenigstens die Edelmetalle glänzen. Aber auch die Preise für Gold und Silber sind unter Druck geraten – genauso wie die von Kryptowährungen. Dass dabei von aggressiven Verkäufen aus dem Nahen Osten berichtet wird, dürfte niemanden überraschen.

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