In den aktuellen Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt zwischen 41 und 42 Prozent der Stimmen, die CDU im Bereich von 24 und 26, die Linkspartei um die 12 Prozent. Grüne, BSW und FDP rangieren unter fünf Prozent, die SPD steckt in der Todeszone um etwa sechs Prozent. Sollten auch die Sozialdemokraten unter die Fünfprozenthürde fallen, würde mit ziemlich großer Sicherheit eine absolute Mehrheit der Sitze an die AfD fallen. Ob es dann zu einer ersten AfD-Regierung der Weidel-Partei mit allen Folgen für das politische Gesamtgefüge kommt, hängt also an der SPD.
Genauer: an ihrer Vorsitzenden Bärbel Bas und ihrem Satz über das graubraune Deutschland. Es gehört zwar zu den Wissenschaftslegenden, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings tausende Kilometer entfernt einen Orkan auslösen kann. Aber eine einzige politische Bemerkung reicht unter Umständen schon aus, damit eine Wahrscheinlichkeit, die noch in der Luft hängt, eine feste und unumkehrbare Form annimmt. Der Satz von Bärbel Bas, gesprochen auf dem „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“, gehört in die Kategorie dieser Äußerungen, die an anderer Stelle Großes bewirken.
„Die offene Gesellschaft wird zum Bedrohungsszenarium umgedeutet“, heißt es in der Rede von Bas: „Das sogenannte Fremde zum Angriff auf unsere Kultur betitelt. Auch das kennen wir leider aus der Vergangenheit, gerade aus der deutschen Geschichte.“
Unter offener Gesellschaft versteht man bisher eine Ordnung ohne obrigkeitsstaatliche Vorgaben, was die Bürger in Debattenfragen meinen und in Bekenntnisfragen glauben sollen. Innerhalb allgemein akzeptierter Prozeduren entstehen Meinungen, von denen immer mehrere nebeneinander existieren, im grundsätzlich unbehinderten Fluss von Rede und Gegenrede und ganz im Sinn von Georg Simmel, für den gerade der eingehegte Streit die Gesellschaft zusammenhält. In einer offenen Gesellschaft legt vor allem der Staat nicht fest, was als richtig oder falsch zu gelten hat, als moralisch gut oder schlecht. Wer genau dieses Prinzip für ein Bedrohungsszenario (beziehungsweise bei Bas Szenarium) hält, spricht die Vorsitzende nicht aus. Eine von mehreren Antworten lautet übrigens: Angela Merkel stellvertretend für viele andere bei ihrer jüngsten Rede zur Internet- und Medienkontrolle in Brüssel.
Von hier aus springt Bas zu dem Fremden, das aber bei ihr nur den Platz des sogenannten Fremden einnimmt, und zu unserer Kultur, bei der sie leichtsinnigerweise vergisst, das sogenannt beizugesellen. „Das kennen wir aus der Vergangenheit, gerade aus der deutschen Geschichte“ – früher legte die Titanic solche Sätze Helmut Kohl in den Mund. Nun folgt der eigentliche Sprung im Parlando der Vorsitzenden und Ministerin, nämlich zur Farbe und damit zum Subtext der Hautfarbe: „Wir wollen Farbe bekennen und wehren uns auch gegen dieses sogenannte Einheitsgrau oder – ich will es sogar Braun nennen – auch wenn manche sich danach sehnen vielleicht sogar. Aber, so ist es halt nicht mehr. Und das ist auch gut so.“
Also: Wir, wer immer sich hinter diesem Majestätsplural versammelt – diese Entität wehrt sich gegen etwas, was es Gott sei Dank sowieso nicht mehr gibt, nämlich das Einheitsgrau, das Bas auch Braun nennen möchte, also ein Graubraun, von dem sie nicht sagt, was und wen sie damit meint. Das muss sie aber auch nicht.
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