ARD alarmiert: Angriff der Achtziger?

vor 5 Monaten

ARD alarmiert: Angriff der Achtziger?
Bildquelle: Tichys Einblick

Das Gedächtnis vieler Menschen in Deutschland scheint ausgezeichnet zu funktionieren, denn sie erinnern sich daran, dass sie noch vor ein paar Jahrzehnten ohne Ausweis und Online-Vorankündigung ins örtliche Freibad gehen konnten (ARD-Kontraste Moderation: die 80er Jahre waren „für auffallend viele Menschen eine Art Sehnsuchtszeit“). Wo Weihnachtsmärkte und auch Bahnabteile Orte waren, die man getrost als (Neudeutsch) „safe spaces“ ansehen konnte, dass Züge pünktlich fuhren und manche Meinung keinen Shitstorm auf sich zog.

Mit der frisch in der Mediathek eingestellten Kontraste-Reportage Deutschland 2026 „Waren die 80er besser?“ will die ARD offenbar diese trüben Gedanken der Zuschauerschaft vertreiben und andeuten, dass diese ein Produkt überreizter Phantasie, schlimmstenfalls aber rechter Gaukelei sind. Dass das Hier und Heute reicher, wohlhabender und bequemer ist als das Gestern. Und wo es das nicht ist, einfach die nötige „Finanzspritze“ alles richten wird.

An der Aufbietung einer hochkarätigen (so meinen die Autoren Chris Humbs, Markus Pohl und Maria Caroline Wölfle jedenfalls) Schar aus „Promis und Politikern“ lässt sich bemessen, für wie dringend die ARD eine gründliche Lehrstunde in Sachen „Nostalgiedenken“ wohl hält.

Claudia Roth, frühere Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der Psychologe Dr. Thomas Kliche, der ehemalige Bundesminister für Wirtschaft und Energie Peter Altmaier, die ehemalige Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen am Rhein, Jutta Steinruck (SPD), sowie Altrocker Wolfgang Niedecken (über Helmut Kohl: „der dicke Mann aus der Pfalz, der uns sagen will, wie es geht“), Wirtschaftshistoriker Jörg Baten, Uni Tübingen, und der ehemalige Umweltaktivist Hubert Weiger.

Auf der Gegenseite steht vermeintlich der Schlagersänger Heino (87), bürgerlich Heinz Georg Kramm, aber eigentlich wird er nur in den Film eingebaut, um einen besonders plakativen rechten Exponenten aufzubauen. In Wirklichkeit sind die einzigen wirklich Nostalgiebewegten seine etwas betüdelten Fans, die anlässlich eines seiner Konzerte in Oberhausen Schlange stehen sowie ein paar Passanten. Zitate: „war politisch eine ruhige Zeit, angenehm, sehr schön, da war die Welt noch sehr in Ordnung … die Gesellschaft war nicht so roh, man hatte mehr Miteinander, gegenseitige Achtung … das Gefühl, man kann berechnen, was in 10 Jahren ist … die Überzeugung, dass alles besser wird, das ist uns irgendwann verloren gegangen“.

Die Sendung beginnt mit der Neuen Deutschen Welle und viel Gehopse in bunten Aerobic-Klamotten, Nena und der Neuen Deutschen Welle, Boris Becker und Steffi Graf. Ex-Minister Peter Altmaier darf vor seiner riesigen Büchersammlung versöhnlich einstimmen, dass „alle gerne die NDW gehört haben“, unmittelbar gefolgt von Claudia Roth, die vor einem rot bestuhlten leeren Konferenztisch ein „Gefühl der Enge“ beschreibt, dem man damals habe entfliehen wollen. Altmaier hält zwar den 80er-Jahre-Regierungschef Helmut Kohl für „einen der ganz großen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland“, aber relativiert dann, der „sei in seiner Regierungszeit die allermeiste Zeit hoch umstritten gewesen“.

Der Film dokumentiert weiter, mit unschuldigen Filmschnipseln aus dem Freibad (doch ein zaghafter Versuch, bestehende Zustände zu kritisieren?) und schnittigen Lokomotiven der Bundesbahn, die damals ja noch nicht als „notorisch unpünktlich gegolten habe“, wie auch „der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ in Deutschland noch nicht gebräuchlich gewesen sei“. Damals, als die „Grünen zur neuen politischen Kraft geworden seien“.

Nicht die 90er, nicht die 2000er werden herangezogen, wodurch „Kontraste“ den gesamten Osten ausblendet, aber der habe ja seine „Ostalgie“ (Bilder von Parteitagsfahnen und DDR-Sportlern werden eingeblendet).

52 Prozent, so ergab eine von Infratest Dimap vom 2. bis 4. Februar 2026 durchgeführte und von „Kontraste“ in Auftrag gegebene Umfrage, „seien der Meinung, dass das Leben in der Bundesrepublik in den 80er Jahren besser gewesen sei, als heute“. Diese Meinung sei aber „besonders stark ausgeprägt bei Menschen mit einem eher niedrigen Bildungsstand sowie in der Altersgruppe ab 50 Jahre“.

Bevor die Doku dieses niederschmetternde Ergebnis in ernsthaften Interviews nachgeht, verlagert sie das Gewicht geschickt ins Soziale, in dem sie nach den „Gewinnern und Verlierern der Politik der letzten 40 Jahre“ fragt.

Die „Nostalgie“, so die Sprecherin, habe ihren Weg auch in die sozialen Medien gefunden, wo KI-generierte Teenager Werbung für die 80er Jahre machen würden. Diese Videos würden das Bild einer Vergangenheit zeichnen, die „so zwar nie existiert habe, vor der die Gegenwart aber verblasse“.

Der Professor für klinische Psychologie, Dr. Thomas Kliche, nimmt die Nostalgischen erstmal vermeintlich in Schutz, denn das sei ja „ein zutiefst menschlicher Zug, die Vergangenheit zu verklären und rosarot zurückzublicken. Aber, so die Sprecherin, würde dieses Gefühl mal mehr, mal weniger subtil politisch instrumentalisiert, zumeist von weit rechts.“

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