Kein Zweifel: Der Weltuntergang fand nicht statt – trotz GAU. Oder Super-GAU, wie es häufig ziemlich falsch heißt, wenn mediale Vertreter glauben, den Dampfhammer herausholen zu müssen. GAU, das ist bereits der größte anzunehmende Unfall. Mehr geht nicht. Das sollte der Weltuntergang sein, wie es mit aller Kraft in die Köpfe gepaukt wurde. Generationen von Schülern mußten Angstmacherbücher wie „Die Wolke“ einer grünen Lehrerin ertragen, die eine globale Katastrophe in die letzten Hirnwindungen quetschten.
Doch der Weltuntergang blieb erkennbar aus. 40 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe wird das Unglück noch immer als Inbegriff der nuklearen Bedrohung erzählt. Bilder von Explosion, Evakuierung und verstrahlter Landschaft haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch ein genauer Blick auf die technischen Abläufe und die tatsächlichen Folgen zeigt ein deutlich komplexeres Bild.
Im Gespräch mit dem TE-Wecker beschreiben Hans Hofmann-Reinecke, der in München Kernphysik, und der Kerntechniker Manfred Haferburg, der in Dresden Kernenergetik studierte, die Ereignisse der Nacht vom 26. April 1986 als Ergebnis einer fatalen Verkettung, „eine toxische Mischung aus Designfehlern, menschlichem Versagen und fehlender Sicherheitskultur“. Ausgangspunkt war ein geplanter Sicherheitstest im Reaktorblock 4. Solche Tests gehörten grundsätzlich zum Betrieb, doch im konkreten Fall waren die Voraussetzungen nicht mehr gegeben. Der Reaktor war durch Eingriffe von außen in einen instabilen Zustand geraten. Eine geplante Leistungsabsenkung wurde auf Anweisung des Stromnetzbetreibers über Stunden unterbrochen. Die benötigten dringend weiteren Strom und forderten die Bedienermannschaft zum Weiterlaufen auf – ein Eingriff, der gravierende physikalische Folgen hatte.
In dieser Zeit baute sich im Reaktor Xenon auf, ein Stoff, der Neutronen absorbiert und die Leistung weiter senkt. Als der Test schließlich fortgesetzt wurde, war der Reaktor kaum noch steuerbar. Um die Leistung wieder anzuheben, griffen die Operatoren zu mehreren riskanten Maßnahmen gleichzeitig. Die Folge war eine lokale, unkontrollierte Leistungssteigerung. Haferburg beschreibt den kritischen Moment so: „Die Verdopplungszeit der Neutronen ging gegen null“. Das bedeutet: Die Kettenreaktion beschleunigte sich explosionsartig.
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