Die verbreitete Fixierung auf angebliche strategische Fehler, der USA im Allgemeinen und das angebliche Unvermögen und die Dummheit von Donald Trump im Speziellen, verstellt europäischen Beobachtern den Blick auf eine andere, viel gravierendere Entwicklung auf die weit dramatischere Fehlkalkulationen des iranischen Regimes. Die außereuropäische Analystin, die in den USA lebende Marokkanerin Zineb Riboua und der britische Soldat Richard Kemp, der so lange im Nahen Osten gelebt hatte, dass er ebenfalls eine nichteuropäische Sichtweise auf die Ereignisse hat, haben eine ganz andere Sicht auf den Krieg im Iran. Beide Analysten kommen, unabhängig von einander, zu verblüffenden ähnlichen Folgerungen.
Während Kritiker auf strategische Unklarheit und widersprüchliche Aussagen aus Washington verweisen, zeigen der tatsächliche Kriegsverlauf sowie militärische Erfolge der USA und Israels nach der Meinung von Riboua und Kemp, dass die europäische, meist linke Deutung des Geschehens zu kurz greifen würde. Zineb Riboua sieht, anders als fast alle deutschen und europäischen Beobachter, bedeutende iranische Fehleinschätzungen der Situation vor und während des Krieges.
Zunächst das iranische Unvermögen, abgeschossene amerikanische Piloten im eigenen Land, in dem die Iranischen Revulotionsgarden über ein dichtes Netz von Informanten verfügen sollten, auszumachen und festzunehmen. Die Soldaten des IRGC hatten ein berauschendes Bild vor Augen: einen Soldaten des „Großen Satans“, blutig und gefangen, vorgeführt auf genau dem Boden, den sein Land zerstören will. Die lebendige Erfüllung jeder Racheparole, die seit 1979 durch Irans Straßen hallt. Doch amerikanische Spezialeinheiten waren schneller. Und als Trump die Rettung auf Truth Social mit drei Worten verkündete – „WE GOT HIM!“ – blieb der IRGC nichts als die zurückgelassene Unterwäsche eines Mannes, den sie nie gefasst hatten. Die schnelle Befreiung durch US-Spezialkräfte entlarvt die militärische Unterlegenheit des Iran und legt ein offensichtlich dysfunktionales Überwachungssystem und eine Organisation bloß, deren operative Substanz stark geschwächt zu sein scheint. Diesen Vorfall stehe exemplarisch für den strategischen Zerfall der Revolutionsgarden.
Eine weiter Fehleinschätzung des iranischen Terrorregimes ist der jetzt entstandene regionale Konsens mehrerer Anrainerstaaten gegen Teheran. Etliche Golfstaaten habe die Zusammenarbeit mit den USA intensiviert. Selbst bisher ambivalente Akteure haben sich nun klar von dem terroristischen Gottesstaat distanziert. Der Krieg bestätigt damit eine Entwicklung, die bereits vorher sichtbar war. Irans Politik blockierte die wirtschaftliche Integration und die sicherheitspolitische Kooperation im Nahen Osten. Die Operation „Epic Fury“ habe sichtbar gemacht, dass die Abraham-Abkommen – obwohl iranischer Druck genau das verhindern wollte – keine diplomatische Ausnahme waren. Sie sind Ausdruck eines regionalen Konsenses. Irans Modell der Machtprojektion, der Energieerpressung und die ideologischen Einflussnahme haben den Nahen Osten systematisch der wirtschaftlichen Integration und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit beraubt, den seine Geografie und Ressourcen leicht ermöglichen würden. Der Krieg hat diesen jetzt zu tage tretenden Konsens nicht geschaffen. Er hat ihn nur bestätigt.
Die IRGC wollten einem über vier Jahrzehnte alten strategischen Handbuch asymmetrischer Konflikte folgen. Aber diese Strategie wirkt nicht mehr und der Iran verliert nun gleichzeitig an allen Fronten. Riboua hat sieben strategische Fehler der iranischen Terrorstaates ausgemacht, die alle ihren Ursprung in einer grundlegenden Fehlinterpretation des amerikanischen Verhaltens, der regionalen Politik und der eigener Fähigkeiten haben. Zusammen habe sich das zu einer Situation ohne Ausweg für den Iran verdichtet.
Der erste strategische Fehler war die Sperrung der Straße von Hormus. Die iranische Führung war davon überzeugt, dass anhaltender Druck auf globale Energieflüsse die Märkte erschüttern und Trump zu einem Kurswechsel zwingen würde. Doch dieser erklärte nur, dass die Öffnung der Straße nicht Aufgabe der Amerikaner wäre und droht, stattdessen iranische Kraftwerke zu bombardieren.
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