Es war der 23. Februar 2009. Das erste Mal seit der Jahrtausendwende und seit 25 Jahren kündigte Volkswagen für den Standort Wolfsburg eine einwöchige Kurzarbeit an. Rund 61.000 der damals mehr als 92.000 Beschäftigten waren betroffen. Wegen der Abwrackprämie war die Nachfrage für größere Modelle eingebrochen.
Falsche staatliche Rahmenbedingungen, aber auch Fehlentscheidungen, sind bis heute ein Problem, welches den Standort Wolfsburg auf dem Weg zu einem neuen Detroit begleitet. Für die Region, für das Land Niedersachsen und die Bundesrepublik steht mit dem schwächelnden, einst weltgrößten Autobauer viel auf dem Spiel.
Oliver Blume kämpft mit dem VW-Konzern gegen eine Krise.
Die Krise für den norddeutschen Automobilstandort Wolfsburg, der 1938 als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ seinen Anfang nahm, erkennt man vor allem an den vielen kleinen Nadelstichen der vergangenen Monate:
Wolfsburg ist keine Stadt, die sich um ein Werk herum „entwickelt“ hat. Wolfsburg ist ein Werk, das sich eine Stadt gebaut hat – und zwar so gründlich, dass man es bis heute an jedem Detail ablesen kann: an den Straßennamen, an den Parkplätzen, an den Schichtwechseln, die den Rhythmus der ganzen Region vorgeben. Wenn in Wolfsburg morgens die erste Welle Richtung Werk rollt, dann ist das nicht nur Pendlerverkehr, sondern ein tägliches Bekenntnis: Hier hängt fast alles an einem Konzern.
Markus Greiner leitet die Volkswagen-Gastronomie und muss täglich mehrere Zehntausend Mitarbeiter versorgen.
Und dieser Konzern war jahrzehntelang überall. Das beginnt im Kleinen, fast banal – mit der Currywurst, die zur Werkslegende wurde, zum Kultobjekt zwischen Kantine und Konzernmythos. 2019 hat Volkswagen mehr Currywürste aus der eigenen Fleischerei als Autos ausgeliefert. Im Jahr 2022 wollte man mit dieser Tradition in der Vorstandskantine brechen und löste damit deutschlandweiten Medienrummel aus. Man hatte auf eine vegetarische Wurst umgestellt. Altkanzler Gerhard Schröder kritisierte die Aktion und forderte den „Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion“ wieder zurück – mit Erfolg.
Verteidiger der Arbeiter, aber auch Teil des Problems: Mit dem sogenannten VW-Gesetz wollte Schröder langfristig den Einfluss der Politik auf den Konzern sichern.
Im Mai 1998 legte man mit dem Bau der „Autostadt“ den Grundstein für ein weltweit einmaliges Schaufenster der Marke. In den folgenden 20 Jahren wurde sie Ausflugsziel und Ersatz-Identität für eine Stadt, die früher vor allem Produktionsort war und heute auch Erlebnisort ist – Konzerte, Weihnachtsmärkte, wechselnde Ausstellungen. Die Autostadt ist eine Bereicherung für die Region, aber auch ein Prestigeprojekt aus Zeiten des Wohlstands.
Das Gleiche gilt für den VfL: Bundesligajahre, Meisterschaftsträume, der Klub als Werbeträger und als Sozialkitt. Höhepunkt war die Deutsche Meisterschaft im Jahr 2009. Mit der legendären Medizinball-Therapie brachte Trainer Felix Magath den Titel an den Mittellandkanal. Den Segen dafür gab’s vom damaligen VW-Boss Martin Winterkorn.
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