Wie der 4. September 2015 das Land veränderte

vor 11 Monaten

Wie der 4. September 2015 das Land veränderte
Bildquelle: Tichys Einblick

Im Herbst 2015 unterlief Merkel der schlimmste Fehler ihrer an kardinalen Fehlern wirklich nicht armen Regierungszeit. Wie bei allen anderen ihrer Irrtümer beging sie auch diesen nicht in voller Absicht, sondern aus Opportunismus, denn Merkels Regierungsmaxime lautete, nicht gegen den veröffentlichten Zeitgeist zu regieren. Wie seit frühester Kindheit erstrebt, wünschte sie als Primus, als Beste vor der Klasse, vor der Partei, vor der Welt dazustehen. Und der veröffentlichte Zeitgeist war seit dem Sieg der Achtundsechziger, denen der Marsch durch die Institutionen zum Unglück des Landes glückte, und ihrer Kinder links, grün, woke, linksliberal oder postmodern, wie unterschiedliche Bezeichnungen für den eklektizistischen Komplex der intellektuellen und in der Konsequenz selbstzerstörerischen Dekadenz des Westens lauten.

Europas Unglück und Europas Niedergang resultieren aus dem Sieg der Wohlstandskinder, deren Ideologie nur die fashionable Kleidung für ihr Ego bietet, allzumal in Deutschland, wie die große Denkerin Hannah Arendt einst präzise anmerkte, dass die Deutschen es lieben, sich erhabene Gefühle zu bereiten, eben, wie ich meine, immer die Welt zu retten und sich nur allzu gern auf den Thron des Herrschers über die Moral und über das Luftreich der Träume plumpsen zu lassen. Einer der „Helden“ dieser neuen intellektuellen Eliten des „westlichen Europas“, der damals maßlos überbewertete, inzwischen so ziemlich vergessene Schriftsteller Jean Genet fasste den Hass der neuen Eliten auf ihre Mitbürger in den Satz zusammen: „An dieser Stelle meiner Rede rufe ich, um die Schwarzen zu retten, zu einem Verbrechen auf, zur Ermordung der Weißen.“

Für Deutschland ist der Stichtag, an dem der Dekadenz vorerst nicht mehr zu wehren und die postmodernen und postdemokratischen Eliten den Höhepunkt ihrer Herrschaft erreichten, der 4. September 2015. Es ist der Tag, an dem eine zerstörerische Dynamik entfaltet wurde, der Tag, an dem sich Deutschland von der Wirklichkeit verabschiedete.

In der kritischen Merkel Biographie fasste ich das Regierungshandeln der Bundeskanzlerin in dem Bild von den vier Sargnägeln für Deutschland zusammen. Der Tag, an dem sie einen der vier Sargnägel einschlug, jährt sich nun zum 10. Mal. Ihre Entscheidung, zu der sie wie so oft sich getrieben fühlte, sollte das Land radikal verändern.

Was Merkel dem Land gebracht hat, lässt sich in Worte fassen, die da lauten: wirtschaftlicher Niedergang, Verschuldung, internationale Bedeutungslosigkeit, innerer Zerfall, Zerfall der Infrastruktur und Spaltung, Hass, Terror, eine Inflation von Messerstechereien und Vergewaltigungen, auch Massenvergewaltigungen. Dabei kann man ihr beim besten Willen keine Originalität unterstellen, sondern sie war nur diejenige, die am besten nach den Bedingungen der Postdemokratie zu handeln vermochte. Schnell, effektiv, geräuschlos und schlau passte sie sich den neuen Eliten an – lernte virtuos, deren Spielregeln zu beherrschen. Man muss dazu wissen, dass die Grundlage von Merkels Herrschaft im Bündnis mit den Medien bestand, nicht mit der Partei, die sie dann auch zum willigen Werkzeug, zur Gefolgschaft der Mediokeren umformte. Mithilfe der Medien gelangte sie an die Macht, durch die Macht sah sie sich in der Lage, verteilen zu können, und zwar Ämter, Posten und Pöstchen und schuf sich so eine Gefolgschaft in der Partei. Die Wichtigen wurde unwichtig und die Unwichtigen wurden wichtig. In dekadenten Gesellschaften besteht die Existenzbedingung der Elite in ihrer Dysfunktionalität.

Angela Merkel regierte Deutschland unter dem Jubel der allzu vielen in den Niedergang, weil sie in der Verachtung der Deutschen sich eins wusste mit den sogenannt „liberalen“ oder postmodernen oder eben grünen Eliten. Sie richten sich in der Idiosynkrasie vom Postnationalen ein. Sie waren soviel „post“, postdemokratisch, postnational, postmodern, dass sie auch bald „post“ sein werden. Nur allzu willig folgte die Union Angela Merkel auf diesem Weg in die grüne Abgehobenheit, denn ihrer Funktionäre wollten so gern auch einmal hipp, so gern Großstadtpartei sein.

Den Witz, den die Geschichte am meisten liebt, ist der Treppenwitz. Und der Treppenwitz von Deutschlands hochgeheiligter Willkommenskultur lautet, dass Merkel eigentlich nichts fremder war, als „Mama Merkel“ zu werden. Migration interessierte sie nicht im Geringsten. Im Jahr 2014, vor allem aber 2015 schlugen die Diskussion um Griechenlands Schulden und einem möglichen Grexit hoch. Doch mitten in der Diskussion um neue Hilfen für Griechenland, orakelte Merkel 2015 im ZDF-Sommerinterview über die Problematik der Migration: „Diese Fragen werden uns sehr viel mehr noch beschäftigen als die Frage Griechenlands und die Stabilität des Euros.“ Kaum jemand verstand damals die Brisanz dieser Nebensätze, denn niemand kannte die Berichte der Geheimdienste und die DVD vom Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, die ebenjene Migrantentrupps zeigten, die nach Europa aufgebrochen waren. Man konnte in ihnen das Heer der Armen des „globalen Südens“ oder eine Invasion sehen, je nachdem.

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