Warum ein ordoliberaler Privatbankier aus der Ostschweiz die Leipziger Bach-Medaille erhalten hat

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Warum ein ordoliberaler Privatbankier aus der Ostschweiz die Leipziger Bach-Medaille erhalten hat
Bildquelle: Apollo News

Der Schweizer Unternehmer Konrad Hummler hat am Montag im Rahmen des Bachfestes unter dem Motto „Im Dialog“ die Leipziger Bach-Medaille 2026 von Oberbürgermeister Burkhard Jung entgegengenommen. Verliehen wurde sie für sein kulturelles Lebenswerk, die J. S. Bach-Stiftung Sankt Gallen unter der künstlerischen Leitung von Rudolf Lutz. Erstmals ist somit kein Musiker oder Ensemble, sondern eine Institution mit dem Preis ausgezeichnet worden – noch dazu eine private, bürgerlich und unternehmerisch geprägte, die Wert auf ihre Staatsferne und die Herkunft aus der Ostschweizer Peripherie legt.

Im Gespräch mit Apollo News hebt der musikbegeisterte Stiftungsratspräsident Hummler seinen Antrieb hervor, neben den „hochsubventionierten“ Zentren Zürich, Bern und Basel eine eigene, unabhängige musikalische Institution in der Schweiz zu schaffen und so die „Sache Bach“ eigenständig in die Welt zu tragen. Dafür nahm der frühere Privatbankier und ehemalige Verwaltungsratspräsident der Neuen Zürcher Zeitung viele Millionen seines Privatvermögens in die Hand. In der Partnerschaft mit Lutz sieht er einen „Dipol“ mit Geben und Nehmen, der beständig im Dialog zum Ausgleich gebracht werden müsse.

Die Bach-Stiftung führt das vollständige Vokalwerk (also alle Werke mit Text und Gesang) des barocken Kirchenmusikers Johann Sebastian Bach, der vor 300 Jahren unter anderem in Leipzig wirkte, im Monatsrhythmus auf und veröffentlicht Aufnahmen auf YouTube und in der eigenen „Bachipedia“. Insgesamt geht es um über 200 Kantaten (vor allem die Predigt ergänzende Gottesdienstmusiken) sowie Motetten, Messen, Oratorien und Passionen. Das sehr langfristig angelegte Unterfangen soll Ende dieses Jahrzehnts abgeschlossen sein – und wird dann weit über 20 Jahre in Anspruch genommen haben.

In den Anfangsjahren sei diese Arbeit in der Schweiz kaum wahrgenommen und gewürdigt worden, berichtet Hummler. Erst Auftritte und Erfolge in Wien und Leipzig hätten auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Deutschschweiz Aufmerksamkeit für die Tätigkeit der Stiftung geweckt. Ein Anschub von staatlicher Seite war dank des Mäzens und der vor zwanzig Jahren gerade aufkommenden Möglichkeiten des Internets aber gerade nicht nötig. Die städtische Auszeichnung aus Deutschland mit der Bach-Medaille bezeichnet Hummler nun dennoch als „Genugtuung“.

Die Nachfrage nach dem Produkt „Bach“ als Dienstleistung gespürt zu haben, sieht Hummler als „wichtigste unternehmerische Leistung“ an. Dabei unterscheidet er die Funktionen von Kultur als öffentlichem und privatem Gut: Während bei Aufführungen – anders als in den Anfangsjahren – knappe Tickets zu Preisen, die den Wert der Leistung symbolisieren sollen, verkauft werden und einen Finanzierungsanteil von etwa 30 Prozent ausmachen, stehen die Aufzeichnungen der Konzerte im Wesentlichen jedem frei und unbegrenzt im Internet zur Verfügung.

Dort kommen besonders viele Zuschauer und Hörer aus Lateinamerika. Hummler macht dafür neben der Spiritualität der wachsenden evangelischen Bevölkerung den „tänzerischen Bach“ verantwortlich, den die Stiftung in ihren Interpretationen zeige. Der passe eben nicht nur zum ostschweizerischen, sondern auch zum dortigen Gemüt. Erwartet habe Hummler Zuspruch aus jener geographischen Region zwar zu keiner Zeit. Dennoch hat die Bach-Stiftung dieser Nachfrage schnell Rechnung getragen und etwa auf Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen gesetzt.

Ausgezeichnet wird Hummlers Stiftung vor allem für ihre Vermittlungsarbeit mit den innovativen, mehrteiligen Kantaten-Konzerten. Diese habe „vielen eine neue Welt, einen neuen Zugang eröffnet“, meint der Intendant des Bachfestes, Michael Maul, in seiner Laudatio. Damit stelle sich die Stiftung gegen „Beliebigkeit in der Bildung“, wie der scheidende Vorsitzende der Neuen Bachgesellschaft, Christfried Brödel, am Montag bei einer Diskussionsveranstaltung ausführte. Was diese Beliebigkeit andernfalls hervorbringen kann, hat der studierte Mathematiker in der DDR selbst erfahren: Eine Universitätslaufbahn blieb ihm aus politischen Gründen verwehrt.

So kann das „kulturelle Kapital“, das Hummler für die Öffentlichkeit geschaffen hat, nicht hoch genug geschätzt werden. Den moralischen Kompass, den die von Bach vertonten Texte bieten, fasse er nicht nur als Teil der Voraussetzungen für eine liberale Wirtschaftsordnung auf. Als Baustein des abendländischen Erbes habe das Gesamtwerk auch einen „Wert an sich“. Eine Rückbesinnung darauf könne eine Alternative zur Islamisierung des Westens bieten, meint Hummler im Gespräch mit Apollo News. „Kreuzfahrtschiffe, Golfplätze und Kriegsgeräte“ reichten dafür nicht aus.

Bach verkörpere eine tröstliche „Meta-Religion“ jenseits konfessioneller Grenzen, die Gläubigen, Zweiflern und Skeptikern gleichermaßen Zugang biete – Hummler selbst sieht sich als zwischen diesen Polen „mäandrierend“. Doch die Inhalte, die die Stiftung vermittelt, sollen für Hummler eben auch „gültig“ sein. Dafür müssten alle die Werke in ihrer Tiefe verstehen – „das Continuo kennt den Text“, bringt Hummler die Verantwortung jedes Beteiligten beim Herüberbringen der Botschaften auf den Punkt. Auch er selbst singt fleißig laienhaft und transponiert sich Instrumentalwerke für die Geige.

Die Bach-Stiftung zeichnet sich durch ein einzigartiges, vierteiliges Konzertformat aus: Vor der Aufführung gibt es eine musikalische, theologische und oftmals praktische Einführung durch Rudolf Lutz und weitere Spezialisten. Nach dem ersten Hören des Werkes folgt eine Reflexion – ein Vortrag einer Persönlichkeit von außerhalb der Musik. Ein Politiker, Ökonom, Philosoph, Schriftsteller oder Naturwissenschaftler kommt zu Wort, um den barocken Text (weltlich) auszulegen. Dann wird die Kantate ein zweites Mal am Stück aufgeführt – und bestenfalls unter dem Eindruck der Reflexion neu gehört.

An dieses intensive, auf Vertiefung ausgelegte Muster, das die Verantwortlichen um Hummler und Lutz in jahrelanger Arbeit herausgeschält haben, lehnt sich auch die Preisverleihung am Montag im Paulinum an. Nach einem in weiten Teilen improvisierten Orgelvortrag von Lutz mit Anklängen an verschiedene Choräle und das Landsgemeindelied, einer Rede des Oberbürgermeisters sowie einer kurzen musikalisch-historischen Einführung (ohne die sonst obligatorischen theologischen Hinweise) spielt das Ensemble der Bach-Stiftung die äußerst „tänzerische“ Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ (BWV 202).

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