Friedrich Merz war zur Zeit der Kubakrise 1962 noch ein Kind. Doch man darf unterstellen, dass er weiß, welche Bedrohung sie darstellte und wie die Krise gelöst wurde. Deshalb muss man die Frage stellen, warum der Bundeskanzler nicht aus der Geschichte lernt.
Im Jahr 1962 stand die Welt vor einem Atomkrieg. Die Sowjetunion war dabei, Atomwaffen auf Kuba zu stationieren, vor der Haustür der USA. In einer legendären Fernsehansprache am 22. Oktober kündigte John F. Kennedy eine Seeblockade Kubas an. Die Welt hielt den Atem an.
Es gab keinen „heißen Draht“. Das „rote Telefon“ auf den präsidialen Schreibtischen im Kreml und im Weißen Haus wurde erst ein Jahr später eingerichtet, eine Lehre aus der Kuba-Erfahrung. Die USA und die Sowjetunion waren militärisch hochgerüstete Todfeinde. Und dennoch gab es echte Gesprächsbereitschaft. Man tat das, was Friedrich Merz heute unterlässt: Man suchte nach gesichtswahrenden Auswegen.
Nach außen scharfe Rhetorik, intern wurde geredet. Robert Kennedy, Justizminister und Bruder des Präsidenten, traf sich immer wieder zu Geheimgesprächen mit Anatoli Dobrynin, dem sowjetischen Botschafter in Washington. Oft trafen sie sich spätabends, stets ohne Protokoll. Dobrynin hatte den direkten Draht ins Politbüro und setzte auf praktische Krisenlösung, während der ungehobelte Außenminister Moskaus, Andrei Gromyko (Spitzname: „Mr. Nyet“) öffentlich den Polterer vom Dienst gab.
Damit wurde eine verlässliche Kommunikationslinie genutzt. Kennedy schien bewusst gewesen zu sein, dass öffentliches Festnageln der Sowjetunion nur noch einen Ausweg bedeutet hätte: die Eskalation. Welch ein Unterschied zu der heutigen Eskalationsrhetorik!
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