Red Wednesday: Das Schweigen des Abendlands

vor 8 Monaten

Red Wednesday: Das Schweigen des Abendlands
Bildquelle: Tichys Einblick

Sechs Brüder seines Vaters wurden enthauptet. So erzählt ein Seminarist, der in Deutschland zum Priester geweiht werden will, im persönlichen Gespräch. Das war damals im Irak, nahe Mossul in Alqosch. Alqosch gehört zu den wenigen Siedlungsgebieten der Aramäer, die im „Fruchtbaren Halbmond“ von der Levante bis zum Persischen Golf noch übriggeblieben sind. Sie sind die direkten Nachfahren jener alten Völker, die einst die großen Hochkulturen des antiken Orients ausmachten.

Das Aramäische war die Verkehrssprache in dieser Region, als Jesus Christus predigte. Es gilt demnach als eigentliche Ursprache des Christentums, während die Evangelien auf Griechisch verfasst wurden, das damals – noch mehr als Latein – die Bedeutung einer Weltsprache des Altertums hatte. Die Liturgie, das heißt die Sprache der Messe, ist eine modernere Form des heutigen Aramäischen. Sich selbst nennen die Aramäer Suroye, das heißt Syrer. Das Christentum war bis zur muslimischen Eroberung nicht nur die vorherrschende Religion; die (as)syrisch-aramäische Kultur dominierte die Region, die heute als arabisches Kernland gilt.

Die Türkei leugnet bis heute alle diese Völkermorde. Bezeichnend ist, dass der Kriegsverlierer zwar auf der Pariser Friedenskonferenz dazu gedrängt wurde, die Kriegsverbrecher zu verfolgen und auszuliefern, es jedoch keinen – eigentlich geplanten – internationalen Kriegsverbrecherprozess gab, der einem Vorläufer der Nürnberger Prozesse hätte gleichkommen können. Die Täter konnten sich angesichts der dürftigen internationalen Rechtslage frei bewegen – auch im Deutschen Reich – und das Vereinigte Königreich ließ einige der Verantwortlichen im Austausch gegen britische Kriegsgefangene frei.

Das Desinteresse des sogenannten Westens für die verfolgten Christen hat demnach einen langen Vorlauf. Während der Krimkrieg des 19. Jahrhunderts sich noch anlässlich des Streits zwischen Frankreich und Russland als Schutzherren des Heiligen Landes entsponnen hatte, zuckt der Westen im 21. Jahrhundert lediglich mit den Schultern, wenn wieder eine Kirche explodiert oder die Landbevölkerung niedergemetzelt wird. Die Täter, das sind Autos und Milizen. Selbst der mächtige Kardinal Pietro Parolin führte den Ursprung der Christenverfolgung in Nigeria nicht auf religiöse, sondern auf „soziale“ Probleme zurück. Christenverfolgung – ein rein gesellschaftliches Problem, das sich mit etwas mehr Wohlstand, besseren Arbeitsplatzbedingungen und höheren Renten lösen lässt?

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