Im Dezember 2025 trafen sich Wissenschaftler und Intellektuelle unter der Ägide des ungarischen Thinktanks MCC (Mathias Corvinus Collegium) in Brüssel, um über eine mögliche Erneuerung Europas zu diskutieren. Im Fokus unter anderem: eine produktive und „patriotische“ Wirtschaftsordnung. Am Rande der Konferenz sprach TE mit Ralph Schoellhammer, Leiter des Zentrums für angewandte Geschichte des MCC Budapest. Er erläutert, wie die wirtschaftliche Krise mit anderen gesellschaftlichen und individuellen Faktoren verknüpft ist, und wie man zu einer dem Menschen nützlichen Wirtschaftsordnung zurückkehren kann.
Tichys Einblick: Herr Schoellhammer, dass sich Deutschland und Europa in einer Krise befinden, ist offensichtlich. Was ist für Sie der Kern des Problems?
Ralph Schoellhammer: Das ist eine komplexe Frage. Um es vielleicht auf einen Begriff zu bringen: Deutschland und Europa insgesamt hinterlassen derzeit vor allem den Eindruck von Dysfunktionalität, und zwar auf allen Ebenen.
In Deutschland macht sich mehr und mehr das Gefühl breit, dass die Dinge nicht mehr funktionieren. Ein Musterbeispiel dafür ist zum Beispiel die Bahn, aber auch die Bauzeit von Projekten. In Österreich ist das ähnlich: Da sollten beim Ausbau der Wiener U-Bahn Teilstrecken 2026 in Betrieb gehen. Jetzt heißt es, es wird doch 2030 werden, und 2030 wird es dann heißen 2031…
Jetzt kann man natürlich sagen, das seien Kleinigkeiten. Aber es sind oft Dinge, die die Menschen im täglichen Leben spüren. Und das ist eben schon seltsam, wir hören von Wirtschaftspaketen, Sondervermögen. Aber man hat nie das Gefühl, dass diese massiven Ausgaben, die ja letztlich nur durch neue Schulden möglich sind, in der Lebenswirklichkeit der Menschen wenigstens positiv – oder überhaupt irgendwie – ankommen. Es wird immer mehr Geld ausgegeben, aber keiner weiß wofür. Das befördert Frustration und Resignation.
Ist dieses Scheitern im „Kleinen“, in den konkreten Projekten, bedeutsam dafür, wie erfolgreich die Politik insgesamt ist?
Wenn Politik langfristige Projekte durchführen will, also zum Beispiel eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik über mehrere Generationen, dann muss sie sicherstellen, dass die Menschen im Land das Vorhaben unterstützen. Und da hätte es einen großen positiven Effekt, wenn eben die kurz- und mittelfristigen Projekte auch verwirklicht werden, deren Resultate sofort bei den Menschen ankommen. Da meine ich jetzt nicht primär finanzielle Vorteile, sondern den Eindruck, dass sich etwas bewegt und zum Besseren entwickelt.
Wenn man nun zum Beispiel sagen würde: Innerhalb der nächsten drei Jahre werden wir sicherstellen, dass die Pünktlichkeitsrate der Deutschen Bahn alle sechs Monate um 20 Prozent steigt. In drei Jahren werden wir in Europa das verlässlichste Bahnsystem haben. So etwas spüren die Menschen unmittelbar. Denken Sie an deutsche Großprojekte wie den Berliner Flughafen BER. Wenn man am laufenden Band derart scheitert, und das Geld der Bevölkerung verpulvert, untergräbt man damit irgendwann auch die Legitimität des Staates.
Wie das?
In den Köpfen der „Eliten“ – ich mag diesen Begriff nicht, aber ich benutze ihn jetzt einfach mal trotzdem –, hat sich der Gedanke festgesetzt, man habe gewissermaßen ein Existenzrecht aus sich selbst heraus. Aber der Staat ist für die Menschen kein Gottersatz, sondern eine Institution, die sich verpflichtet, gewisse Leistungen zu erbringen: Sicherheit im öffentlichen Raum, Sicherheit nach außen, funktionierende Infrastruktur; auch im Bildungsbereich, zumindest was grundlegende Bildung betrifft. Und in allen diesen Dingen findet momentan ein Versagen statt.
Also, auf allen Ebenen haben die Menschen das Gefühl: Es ist Geld da für alles Mögliche, aber nicht für die Basics. Das delegitimiert den Staat. Irgendwann sagen die Menschen, dass sie kein Problem mehr damit haben, Steuern zu hinterziehen und schwarz zu arbeiten, weil die Steuern eben zu hoch und die Sozialabgaben zu drückend sind, und die Ungerechtigkeit einfach zu eklatant.
Hier stellt sich dann natürlich auch die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der durch Massenmigration geschwächt wird.
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