Der Papst segnet einen Eisblock. Als Leo XIV. das „Klima-Ritual“ vollzog, da war für Linke wie Rechte klar: Dieser Papst muss woke sein. Die Bereitschaft, den neuen Pontifex nicht entlang der schwarz-weißen Linien politisch einzuordnen, fällt insbesondere Kommentatoren schwer, die katholisch „unmusikalisch“ sind. Aber selbst innerhalb des katholischen Lagers hat man sich daran gewöhnt, seine Welt überschaubar halten zu wollen.
Dass Leo XIV. sich weder auf Klima noch Flüchtlinge reduzieren lässt, hat der US-Pontifex dabei immer wieder gezeigt. Bei der ersten Generalaudienz im Mai machte er gegenüber Journalisten klar, dass zahlreiche Medien ideologisiert seien. Journalisten hätten sich dagegen – sinngemäß – am Guten und Wahren zu orientieren. Seine Haltung fundierte er mit der Auslegung des Heiligen Augustinus. Die Welt ist schlecht – aber durch unser Denken und unsere Taten formen wir die Welt.
Das hätte schon damals aufmerksam machen müssen – insbesondere, da Leo seine Medienkritik, die eindeutig gegen die eher linke Berichterstattung gerichtet war, nur wenige Tage nach der Wahl äußerte. Schon aus seiner Zeit als General-Prior der Augustiner (2001 bis 2013) stammt ein Video, in dem Robert Prevost durchaus suggerierte, dass viele Medien mit ihrer Berichterstattung die Menschen von der biblischen Botschaft trennten.
Auf der anderen Seite hat Leo katholische Influencer ermutigt, auf Social-Media-Plattformen wie X zu bleiben, um dort als Zeugen den katholischen Glauben zu verteidigen und zu verbreiten. Auch das hätte eigentlich Zeichen sein müssen, dass Leo in der Frage der Berichterstattung die Möglichkeit „neuer Medien“ in der Form von Bürgerjournalismus und unabhängigen Meinungsmachern begrüßt. Logischer Umkehrschluss: Der neue Pontifex kennt die linke Schlagseite der etablierten Medien.
Die Neujahrsansprache ist daher keine Wende. Sie ist eher die logische Konsequenz bisheriger Äußerungen und stilistischer Wahl des vierzehnten leoninischen Papstes. Viele Beobachter machen es sich zu einfach, wenn sie den Augustiner lediglich auf politische Äußerungen reduzieren. Leo ist weder ein Anti-Trump-Papst noch ein Franziskus II. und schon gar nicht woke. Auch linke Medien hatten bis zum Freitag ein beträchtliches Interesse daran, den Petrus-Nachfolger für sich zu vereinnahmen und dementsprechend zu berichten, indem sie Versatzstücke verwendeten, um eine Fortsetzung des Bergoglio-Pontifikats zu suggerieren.
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