Olivia Maurel über ihr Buch „Wo bist du, Mama?“ und Leihmutterschaft als grausames Geschäft mit Kindern

vor 4 Monaten

Olivia Maurel über ihr Buch „Wo bist du, Mama?“ und Leihmutterschaft als grausames Geschäft mit Kindern
Bildquelle: NiUS

Geboren von einer Leihmutter. Olivia Maurel wuchs zwischen Florida und der Côte d’Azur in einer wohlhabenden Familie auf. Früh spürte sie, dass etwas nicht stimmt. Heute spricht sie öffentlich darüber. Über ein System, in dem Kinder in Auftrag gegeben werden und Frauen in finanzieller Not gegen Bezahlung Schwangerschaften austragen. Ein Geschäft, das auch Europa längst erreicht – selbst dort, wo es verboten ist.

Im Interview mit NIUS spricht Olivia Maurel ungeschönt über ihre Geschichte und gibt einem komplexen Thema eine persönliche, eindringliche Stimme:

NIUS: In Ihrem Buch „Wo bist du, Mama?“ schreiben Sie, dass Sie schon sehr früh eine Distanz zu Ihrer Mutter gespürt haben. Wenn Sie an dieses Kind, das Sie mal waren, zurückdenken – was genau hat es gefühlt, noch bevor es Worte dafür hatte?

Maurel: Was ich gefühlt habe, konnte ich nicht erklären – ich habe es körperlich erlebt. Eine Art stille Dissonanz. Ich erinnere mich, wie ich sie ansah und spürte, dass etwas Wesentliches nicht übereinstimmt, als würde ich nach einer Vertrautheit suchen, die nicht da war. Aber als Kind stellt man die Realität nicht infrage, sondern sich selbst. Also dachte ich, das Problem sei ich. Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses Gefühl kein Fehler, sondern eine Spur war – die Spur einer Trennung, die stattgefunden hatte, bevor ich sie begreifen konnte. Vor der Sprache kommt die Erinnerung. Und der Körper erinnert sich an das, was der Verstand noch nicht benennen kann.

NIUS: Alle um Sie herum bezeichneten Ihre Familie als „normal“. Wie empfanden Sie als Kind diese Erzählung der Erwachsenen?

Maurel: „Normalität“ ist ein beruhigendes Wort. Es beendet das Gespräch, bevor es überhaupt beginnt. In diesem Zusammenhang schützt „Normalität“ vor allem die Entscheidungen der Erwachsenen – ihren Wunsch nach einem Kind und den Weg dorthin. Denn sobald man auch nur den kleinsten Zweifel zulässt, wird man gezwungen, sich mit etwas deutlich Unangenehmerem auseinanderzusetzen: nämlich damit, dass dieses Modell eine geplante Trennung von austragender Frau und Kind bei der Geburt voraussetzt. Also wird das Narrativ aufrechterhalten. Und innerhalb dieses Narrativs versteht das Kind sehr schnell, dass seine Rolle nicht darin besteht, zu hinterfragen, sondern sich anzupassen.

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