Oh, wie schön ist Stromausfall!

vor 6 Monaten

Oh, wie schön ist Stromausfall!
Bildquelle: Apollo News

Ob man auf die Aussage „Ich wohne in Friedrichshain-Kreuzberg“ eine mitleidige oder bewundernde Reaktion erhält, kommt sehr darauf an, wie das Gegenüber zu so szenetypischen Phänomenen wie Hausbesetzern, Linksextremen, Junkies und allgemeiner Verwahrlosung steht. Zumindest wenn ich eines Tages Kinder habe, werde ich mir wohl einen Bezirk suchen, in dem ich meinen Nachwuchs nicht zwischen Drogenbesteck spielen lassen oder in einen mit Graffiti besprühten Kindergarten geben muss. Doch es hat auch seinen Vorteil, wenn man Nachbarn hat, die selbst die Olaf-Scholz-Plakate mit „Nazi“-Schmierereien verunstalten und am Wochenende zum Vulva-Töpfern gehen – wenn ein Haufen Linksextremisten auf die Idee kommt, einen Terroranschlag auf die Berliner Stromversorgung zu veranstalten, kann man hier weiter heizen und warm duschen.

Warum sollte man denn seinen eigenen Strom abschalten? Ich spekuliere, aber ich halte die Wahrscheinlichkeit für relativ hoch, dass der ein oder andere Anhänger der Vulkangruppe in meinem Stadtteil gefunden werden würde. Wenn man denn nun ernsthaft nach ihnen suchen würde. Trotzdem bin ich mittelbar Betroffene des Stromausfalls. Denn wie fast jeder Berliner habe ich Weihnachten bei meiner Familie verbracht, die nicht in Berlin wohnt. Und seit meiner Rückkehr vor einer Woche darf ich meiner alten, kleinen Gastherme bei dem Versuch zusehen, daran zu scheitern, eine Drei-Zimmer-Altbauwohnung wieder richtig aufzuheizen. Ich kann mich darüber aber bei niemandem selbstmitleidig ausheulen, weil zur gleichen Zeit am anderen Ende der Stadt buchstäblich Menschen beinahe erfroren wären.

Es hagelt aktuell viel Kritik gegen den regierenden Bürgermeister Kai Wegner und sein Krisenmanagement. Ich muss sagen, ich bewundere ihn. Dieser Mann hat sich für das neue Jahr vorgenommen, mehr Sport zu treiben, und nichts – aber auch absolut gar nichts – konnte ihn davon abhalten. Wer kann von sich schon behaupten, dass er seine Neujahrsvorsätze länger als drei Tage durchgehalten hat? Ich persönlich habe mit meinen noch gar nicht so richtig angefangen. „Mir war an diesem Tag wichtig, dass ich eine Stunde Sport mache“, versuchte Wegner sich später vor der Presse rauszureden. Er habe „abschalten“ müssen – interessantes Wording ausgerechnet inmitten eines Stromausfalls. Da merkt man doch, dass es einen Unterschied gibt zwischen Politikern und uns normalen Menschen. Wenn Wegner Tennis spielt, während er eigentlich arbeiten müsste, heißt das „Gedanken fassen und ordnen“, wenn ich es mache, heißt es „Arbeitszeitbetrug“ und „Du weißt, wo das nächste Jobcenter ist?“

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