Journalistische Selbstentleibung

vor 11 Monaten

Journalistische Selbstentleibung
Bildquelle: Tichys Einblick

In den guten alten Zeiten des deutschen Nachkriegsjournalismus war im Westen Bonn der Nabel der Welt, während im Osten die Berichterstattung um das Politbüro der SED kreiste. Genauer gesagt um deren Generalsekretär und den Vorsitzenden des Staatsrates. Im Westen durften sich damals noch manche Beobachter über den Status der Tagesschau lustig machen, das geriet im Gegensatz zur DDR noch nicht in Gefahr, die Legitimation des Staates zu untergraben. Laut dem im Mai verstorbenen Helmut Thoma hätte man diese Sendung auch in Latein mit zwei brennenden Kerzen verlesen können, „und sie hätte immer noch die gleichen Ratings“. Es ging dem ersten Chef des Privatsenders RTL damals allerdings nicht um die inhaltliche Qualität, sondern um die Aussichtslosigkeit, das Abendprogramm in Konkurrenz zur Tagesschau-Ausgabe um 20:00 Uhr beginnen zu lassen.

Das Konkurrenzangebot des ZDF namens „heute“ erreichte nie einen vergleichbaren Status. In den langen Nachkriegsjahren steckten Redakteuren und Zuschauern noch die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus in den Knochen, wo Medien als Propagandaapparat der Diktatur verstanden wurden. Dazu kam die Medienpolitik in der DDR mit einem identischen Medienverständnis. Man musste nicht viel tun, um sich davon abzuheben, und gleichzeitig tat man genug, um das deutlich werden zu lassen. So war das in den guten alten Zeiten, die aber viele Zeitgenossen keineswegs als zu gut empfanden, um es kritiklos hinzunehmen.

Heutzutage interessiert sich niemand mehr ernsthaft für die Programmplanung im linearen Fernsehen, außer es gibt Liveübertragungen etwa von großen Sportereignissen. Das lineare Fernsehen ist ein Relikt, so wie Sendungen in Latein und mit zwei brennenden Kerzen. Die Tagesschau als Nachrichtenformat wird in der ARD gehütet wie eine Reliquie. Der Glanz aus den glorreichen Gründungszeiten soll auf die Gegenwart strahlen, um das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Inbegriff eines seriösen Journalismus erscheinen zu lassen. Der damit verbundene Nimbus macht jede Kritik zur Häresie. Aus Kritikern werden Nestbeschmutzer, die vom rechten Weg abgekommen sind.

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