Meloni: „Ich muss euch erzählen, wer ich bin“

vor 8 Monaten

Meloni: „Ich muss euch erzählen, wer ich bin“
Bildquelle: Tichys Einblick

Es kommt eher selten vor, dass Bücher führender ausländischer Politiker auf Deutsch erscheinen. Selbst wenn sie von ehemaligen oder amtierenden Regierungschefs verfasst wurden und Themen behandeln, die auch uns Deutschen auf den Nägeln brennen.

Es gibt eben nach wie vor keine europäische Öffentlichkeit — was viel aussagt über den real-existierenden Zustand der Europäischen Union. Kein deutscher Verlag interessiert sich für Boris Johnsons politische Erinnerungen („Unleashed“). Auch dafür, was François Hollande, Ex-Staatspräsident der französischen Republik und zeitweilig führender Politiker der politischen Linken in Europa, mitzuteilen hat, erwärmte sich in Deutschland niemand. Dabei lautet der Titel seines Buches „Le défi de gouverner“, zu Deutsch in etwa: „Die Herausforderung des Regierens“, was ja darauf hindeutet, dass da möglicherweise jemand über seine Lernkurve Auskunft gibt. Donald Tusk, amtierender Chef einer ampel-artigen Regierung im Nachbarland Polen, lockt bislang auch keinen deutschen Verlagschef. Seine Autobiografie trägt den Titel „Szczerze“ („Ehrlich“). Wer bei Wikipedia recherchiert, findet noch nicht einmal einen Hinweis auf die Existenz dieses 2024 erschienenen Buches. Das mäßige Interesse an den meist sehr stark auf das heimische Publikum ausgerichteten Bekenntnisse von Politikern anderer Länder ist verständlich. Umgekehrt gibt es anderswo auch kein ausgeprägtes Bedürfnis, Angela Merkels längliche Rechtfertigungsschrift zu studieren.

Umso höher ist es dem Münchner Europaverlag anzurechnen, dass er die Autobiografie von Giorgia Meloni auf Deutsch publiziert. Ihr Titel: „Ich bin Giorgia“. Der Buchtitel klingt für deutsche Ohren ungewohnt. Aber er passt. Denn genau so: persönlich, reflektierend, manchmal streitlustig, ist das Buch auch geschrieben. Es ist bereits vier Jahre alt; die italienische Ausgabe erschien im Mai 2021. Knapp eineinhalb Jahre später wurde sie italienische Ministerpräsidentin — und sie bekleidet dieses Amt erfolgreich bis heute. Meloni gilt mittlerweile als einflussreiche europäische Politikerin, deren Nähe andere europäische Spitzenpolitiker suchen, und deren Stimme in Brüssel gehört wird.

In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Meloni: „Ich will schwarz auf weiß festhalten, wer ich heute bin, um das in zehn, zwanzig, vielleicht dreißig Jahren noch einmal nachzulesen und mich nicht selbst belügen zu können.“ Denn in einer Welt, in der alle danach strebten, „jemand zu werden“, bestehe die Herausforderung für sie darin, „es zu schaffen, ich selbst zu bleiben, koste es, was es wolle. Um das tun zu können, muss ich mir und euch erzählen, wer ich bin.“ Alle Achtung: Da möchte jemand richtig verstanden werden. Von ihren Freunden und politischen Weggefährten, aber auch von ihren politischen Gegnern. Hier geht es also nicht um ein Wahlkampfbuch, das schnell der Vergessenheit anheimfällt. Auch nicht um eine Selbstrechtfertigung, die sehr leicht in Selbstgerechtigkeit versinkt, wie man an Angela Merkels Buch „Freiheit“ exemplarisch studieren kann.

Interessant ist, woher die Idee zu dieser Gliederung kommt: Fünf dieser sechs schlichten Sätze machten Meloni nämlich zu einer Art Ikone der italienischen Popkultur. Wochenlang tanzten junge Leute in den Clubs zu Melonis Worten. Und das kam so: Im Oktober 2019 hielt sie eine Rede auf einer Veranstaltung in Rom, um gegen die Regierungsbildung von Giuseppe Conte zu protestieren, der sich dabei auf die linkspopulistische 5-Sterne-Bewegung und eine linke Splitterpartei stützte. Diese Rede beendete sie mit den Worten: „Ich bin Giorgia. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter. Ich bin Italienerin. Ich bin Christin. Und das werde ich mir nicht nehmen lassen.“ Zwei Mailänder DJs unterlegten diese Sätze Melonis mit einem Disco-Beat und mixten daraus einen Rave-Titel. Ihre Absicht: Meloni lächerlich zu machen. Allerdings ging das nach hinten los. Statt zur Lachnummer wurde Meloni unter den Jungwählern zu einem Star. Und zwar zu einem mit einer überzeugenden Botschaft.

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