Tichys Einblick: In Deutschland gab es ähnlich wie in Dänemark in jüngster Zeit etliche Drohnensichtungen – auch am Flughafen München, der deswegen vorübergehend sogar während einiger Stunden geschlossen wurde. Die staunende Öffentlichkeit erfährt, dass in der Bundesrepublik noch nicht einmal eine Regelung existiert, wer diese Fluggeräte bei Gefahr abschießen darf. Wie kann das sein?
Markus Kurczyk: Die Drohnengefahr ist ja kein neues Phänomen. Dass Deutschland da dermaßen unvorbereitet ist, das hat historische Gründe. Der Einsatz der Bundeswehr im Innern wurde bei der Aufstellung der Bundeswehr gesellschaftlich durchaus stark diskutiert in den 1950ern. Mit dem Einsatz von Militär im Inneren tun wir uns schwer. Ich habe das Gefühl, dass wir das angesichts der heutigen Lage allmählich überwinden. Für mich ist das nur eine Frage der Zeit und der Stärke der Bedrohung, dass diese Diskussion ernsthaft geführt wird – und dann auch die notwendigen Mittel der Bundeswehr eingesetzt werden können.
Also ohne langwieriges Amtshilfeverfahren. Dieses Verfahren käme heute zum Tragen. Wenn nur die Bundeswehr über entsprechende Mittel verfügt, was derzeit der Fall ist, dann müsste erst der entsprechende Amtshilfeantrag durch die Polizei gestellt werden, der über verschiedene Ebenen dann genehmigt werden muss, bis eine Drohne abgeschossen werden darf. Diese Zeit haben wir aber einfach nicht bei dieser Bedrohungsanalyse.
Kriege und Übergriffe passieren heute nicht mehr unbedingt an der Grenze. Man spricht von hybrider oder verdeckter Kriegsführung. Wie ist Deutschland dafür gewappnet?
Alle Verantwortlichen in der Politik, aber auch in der Bundeswehr, wiederholen ja seit einigen Wochen, eigentlich Monaten fast schon mantraartig, dass wir nicht mehr in Frieden sind, auch nicht im Krieg, sondern irgendwo dazwischen. Jetzt stellen wir fest, dass uns die Abwehrmittel fehlen. Uns fällt jetzt auf die Füße, was man Friedensdividende nennt. Wir haben seit Ende der 1980er fast alles an Wehrfähigkeit abgebaut und lange überhaupt nicht mehr investiert in jede Form von Verteidigung. Das betrifft die militärische Verteidigung genauso wie die Zivilverteidigung. Wir haben schlichtweg diesen Fall der hybriden Bedrohung durch Drohnen, den wir jetzt erleben, nicht einkalkuliert. Wenn man infrastrukturell von den Verfahren, vom Personal, von der Ausstattung 25 Jahre nicht drüber nachdenkt, nicht modernisiert, nicht aktualisiert, dann kommt man genau in die Situation, in der wir uns jetzt seit zwei Jahren in Deutschland befinden.
Müssen wir eigentlich froh sein, dass bisher noch so wenig passiert ist? Die deutsche Infrastruktur lässt sich jedenfalls spielend leicht angreifen – ob nun mit Drohnen oder wie kürzlich in Berlin durch einen linksextremen Anschlag, der in Teilen der Stadt die Stromversorgung lahmlegte.
In der Tat, wenn uns jemand angreifen will, wenn jemand unsere Gesellschaft der Nagelprobe unterziehen will, dann schaltet er als Erstes die Stromversorgung ab, dann unterbindet er die entsprechenden Transport- und Logistikwege. Dann schafft er Unruhe. Ich glaube, dass es inzwischen ein Umdenken gibt, was die Bedrohungslage angeht. Aber wir sind sicherlich nicht in der Lage, dass wir sagen können: Wir sind auf alles vorbereitet.
Wann wäre es denn so weit?
Die Vorstellung, dass man jetzt die Bundeswehr innerhalb von drei oder vier Jahren kriegsfähig macht, die ist natürlich naiv. Das könnte niemand bezahlen. Das gilt für die Resilienz unserer Infrastruktur genauso wie für die Bundeswehr.
Der Unternehmer Karl von Habsburg, einer der besten deutschsprachigen Kenner der Ukraine, der dort regelmäßig mit Soldaten und Offizieren von der Front spricht, nannte kürzlich beim Salzburg European Summit die Zahl von täglich einer Million Drohnenstarts pro Tag, die ukrainische und russische Seite zusammengerechnet und alles einbezogen, von Kleindrohnen bis mit Glasfaserkabeln gelenkten Geschossen. Der Krieg ist heute vor allem ein Drohnenkrieg. Was kann die Bundeswehr hier aufbieten?
Deutschland hat ja praktisch so gut wie noch gar nichts auf diesem Gebiet zu bieten, weder auf der Drohnenabwehrseite noch bei den Drohnen selbst.
Welche Kampfkraft hat eine drohnenlose Armee angesichts dieser Entwicklung noch?
So gut wie keine. Wir haben es insbesondere mit einer Frage der Effizienz zu tun. Die Produktion von Kleinstdrohnen, die mittlerweile aber ebenfalls technologisch weiterentwickelt worden sind, und von Drohnen insgesamt ist mittlerweile so einfach und so günstig, dass insbesondere die Drohnenabwehr jetzt für mich im Fokus steht.
Natürlich ist es möglich, mit unglaublich teuren Raketen günstig gebaute Drohnen zu bekämpfen, also mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Aber irgendwann ist die Zahl dessen ausgeschöpft, was man gleichzeitig bekämpfen kann. Selbst komplexe Waffensysteme wie die Patriot-Abwehr sind nicht in der Lage, gleichzeitig eine extrem hohe Zahl an Zielen zu verarbeiten. Mal ganz abgesehen von den unglaublichen Kosten dieser Waffensysteme. Um es eindeutig zu sagen: Ohne Drohnen und insbesondere ohne Drohnenabwehr hat eine Armee heute einen derart schwerwiegenden Nachteil, dass sie ihn überhaupt nicht mit anderen Mitteln ausgleichen kann.
Für mich ist die Geschwindigkeit der Entwicklung beeindruckend. Ich habe zum ersten Mal die Gefährdung durch Drohnen wahrgenommen, als ich 2019 in Afghanistan war. Wir hatten dort die ersten Drohnenüberflüge über dem Kabuler Flughafen registriert. Ich habe gesehen, wie einfach es für den Angreifer ist, uns in die Defensive zu zwingen, und wie teuer, entsprechende Vorkehrungen dagegen zu treffen. Jetzt haben wir das Jahr 2025. Innerhalb von sechs Jahren ist die Dominanz des Themas Drohneneinsatz und Drohnenabwehr in der Kriegsführung wirklich überragend geworden.
In der „Weltwoche“ erklärt der ehemalige israelische Militärgeheimdienstchef Amos Yadlin, dass Israels Armee es kürzlich schaffte, 99,8 Prozent der iranischen Drohnen durch ein tief gestaffeltes Verteidigungssystem abzufangen. Wenn Deutschland jetzt den Aufbau eines solchen Schutzschilds beschlösse – wie lange würde das dauern?
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