In den Jahren unmittelbar nach 2015 trafen Politiker und ein Großteil der Medien eine Festlegung zu einer Frage, die sich in den Jahren vorher gar nicht stellte. Das Diktum zu dieser Frage, die auch in der neuen Ära gar nicht erst aufkommen sollte, lautete: „Eine Islamisierung findet nicht statt.“ Das Thema erhielt also in dem Moment Zutrittsverbot zum offiziellen Debattenraum, als es zum ersten Mal vor der Tür erschien.
Wer fortan von Islamisierung sprach, erhielt von der damals noch leidlich funktionierenden Diskurskontrolle automatisch die Markierung Verschwörungstheoretiker, auch Verschwörungserzähler und gesellschaftlicher Unruhestifter.
Zum Fall für den regierungsamtlichen Verfassungsschutz machte sich außerdem jeder, der behauptete, politische Eliten hätten ein Interesse daran, die Zusammensetzung der Bevölkerung zu verändern – beispielsweise, weil sie auf neue Wählerkohorten hoffen. Der Begriff „Bevölkerungsaustausch“ beförderte denjenigen, der ihn benutzte, ohne jede weitere Begründung nicht nur aus der Debattenarena, sondern stracks in die Isolationszelle.
Das ändert sich allerdings gerade. Nicht unbedingt, was den Ausschluss von der öffentlichen Bühne und den Einschluss in den Kreis der Gesellschaftsfeinde angeht – denn nach wie vor kommt es sehr darauf an, wer mit welcher Absicht spricht. Dazu weiter unten mehr. Aber die Begriffe oder vielmehr die Vorgänge, die sie bezeichnen, unterliegen anders als vor zehn oder fünf Jahren keinem völligen Tabu mehr.
Das Land änderte sich tatsächlich drastisch. Wie, so lautete die oben schon angerissene Frage, sollte sich die Bundesrepublik unter diesen Bedingungen eigentlich nicht islamisieren? Und überhaupt: Warum taten sehr viele Politiker und Journalisten so, als würde es sich bei der Islamisierung um etwas Schlechtes handeln? Nach dem, was sie redeten, schrieben und sendeten (Muslime ganz überwiegend integrationswillig, Euroislam schon in Sicht, es gibt keine Probleme, sondern nur Vorurteile), hätten sie ein islamischeres Deutschland begrüßen, mindestens aber als Folge der Migrationspolitik ganz offen anerkennen müssen.
Stattdessen einigten sich die Diskurszuständigen auf eine aus Göring-Eckardt- und Merkel-Rhetorik zusammengesetzte Formel: Dieses Land wird sich drastisch ändern, aber es bleibt wundersamerweise alles beim Alten. Wer das infrage stellt, so der fast allumfassende Konsens, schürt Ängste und vergreift sich am gesellschaftlichen Frieden. Die Göring-Eckardt-Merkel-Konstruktion musste früher oder später auseinanderfallen, da ganz offensichtlich nichts ihre beiden Bestandteile zusammenhält.
Ebenso offenkundig gibt es Gründe, warum sich abgesehen von Demonstranten für ein künftiges Kalifat und ein paar Akademikern an der Berliner Humboldt-Universität bisher kaum offene Fürsprecher eines islamischeren beziehungsweise islamischen Deutschlands fanden.
Das liegt unter anderem am nichtidealen Image des Islam, der eben nicht Religion unter anderen Religionen sein will, sondern einen Machtanspruch stellt. Und das in früheren Zeiten nicht nur auf politischem Weg wie heute, sondern auch militärisch. Genau hier, bei dem historisch etwas belasteten Image, setzt die Neubewertung an.
Anders als die damalige Inbesitznahme südamerikanischer und afrikanischer Ländereien durch europäische Staaten handelte es sich bei der Begehrlichkeit der Hohen Pforte also nur ganz neutral um eine „Expansion“, und anders als der Versklavungshandel, für den die Organisatoren von „Nürnberg global“ eine Erbscham von den Besuchern einfordern, ereigneten sich die Grausamkeiten des türkischen Heeres nur angeblich, weshalb nicht die Ereignisse selbst, sondern nur die Propagandaerzählungen bei den osmano- respektive islamophoben Nürnbergern irrationale Ängste weckten, vergleichbar mit dem vielzitierten subjektiven Unsicherheitsgefühl vieler Deutscher im öffentlichen Nahverkehr, das Fernsehexperten immer wieder aufs Neue widerlegen müssen.
In seinem Brief an Österreichs Kaiser, faktisch die Kriegserklärung, schrieb Sultan Mehmet IV. zum Beginn des Feldzugs 1683, er werde „die Giauren“ (also die Ungläubigen) den „grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tod übergeben“. Das Vorgehen des osmanischen Heeres bei seinen beiden Vorstößen nach Mitteleuropa schildern Zeitgenossen sehr detailliert, etwa der damalige Kriegssekretär und Reichshofrat Peter Stern von Labach, Autor der Chronik „Belegerung der Stadt Wienn“ von 1529, in der es heißt: „Die leut viel tausent jämmerlich ermordt, erschlagen und weggeführt.“
Die erste Belagerung der Stadt brach der Heerführer angesichts des herannahenden Winters ab, weil sich in den niedergebrannten Ortschaften ringsum keine Verpflegung mehr requirieren ließ, und die wenigen Nachschubtrecks bei weitem nicht ausreichten, um die riesige Streitmacht zu versorgen. Auch bei der zweiten Belagerung 1683 stand zwar die Verteidigung Wiens kurz vor dem Zusammenbruch, das osmanische Heer befand sich aber wegen der gleichen Versorgungslage wie 1529 ebenfalls in einer höchst prekären Lage, als die polnisch-litauisch-deutsche Reiterarmee unter Jan Sobieski am 12. September den Belagerungsring aufsprengte.
Im Dezember 2025 variierte die Zeit das mittlerweile schon öfter wiederholte Narrativ, Religion habe bei dem zweiten Versuch des Islams zur Unterwerfung Europas keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt.
Screenprint: Die Zeit
Eine ähnliche Formulierung hört und liest man über die christlichen Kreuzzüge mit dem Ziel Jerusalem nie. Sie fallen auch niemals in die Rubrik „Expansion“. Übrigens begehrt die Evangelische Kirche Deutschlands mittlerweile sehr nachdrücklich ihren Platz an der sengenden Sonne der Erbschuld, was die eher kurze deutsche Kolonialgeschichte betrifft. Für dieses Projekt kann sie die kolonialpolitische Bedeutung der christlichen Religion gar nicht hoch genug veranschlagen.
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