Iran: Das neue Great Game und der Konflikt der Systeme

vor 6 Monaten

Iran: Das neue Great Game und der Konflikt der Systeme
Bildquelle: Tichys Einblick

Die Stabilität eines großen Landes wie des Irans ist ein hohes Gut, nicht nur für seine Einwohner, sondern auch für die größere Region, letztlich wohl sogar für die Europäer, die es sich nicht erlauben können, ein weiteres (wenn auch unvollkommenes) Bollwerk gegen die Massenmigration zu verlieren. Seit Jahren ist der Iran ein Transitland zumal für afghanische, auch pakistanische Migranten. Ein weiterer destabilisierter Staat im Nahen bis Mittleren Osten – ein zweites, größeres Libyen – würde diese Brückenfunktion für Migranten deutlich verstärken.

Reza Pahlawi ist zum wichtigsten Kandidaten für den Wandel im Iran geworden, nicht zuletzt wegen des Machtvakuums, das daneben im Iran wie bei den Auslandspersern besteht. Eine Übergangsfigur wie Pahlawi wäre aber nicht allmächtig und könnte keinesfalls allein über den weiteren Pfad des Landes entscheiden. Trotzdem wäre ein postrevolutionäres Persien, das vielleicht zu 40 oder 60 Prozent hinter dem Sohn des letzten Schahs stünde, einem führungslosen Iran vorzuziehen.

Es würde sich im übrigen um eine Gegenrevolution handeln. Die Revolution ging 1979 von den Mullahs und ihren links-naiven Verbündeten aus. Bis dahin war Iran einer der wichtigsten Freunde des Westens im Osten gewesen. Doch im Februar 1979 konnte man in der New York Times lesen, dass die Darstellung von Ajatollah Ruhollah Khomeini „als fanatisch, reaktionär und Träger kruder Vorurteile … mit Sicherheit und erfreulicherweise falsch zu sein [scheint]. Ermutigend ist auch, dass sein engstes Beraterteam ausnahmslos aus moderaten, fortschrittlichen Persönlichkeiten besteht.“

Außerdem hätten sich die „wichtigsten Amtsträger“ der neuen islamischen Regierung „in der Vergangenheit klar für Menschenrechte eingesetzt und scheinen bestrebt zu sein, eine wirtschaftliche Entwicklung zu erreichen, die zu einer modernen Gesellschaft führt, die auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse der gesamten Bevölkerung ausgerichtet ist“. All das stand unter dem Titel „Trusting Khomeini“ – „Khomeini vertrauen“.

All das ist längst widerlegt. Die Anführer der Islamischen Republik zeigen unvermindert ihre fanatische, islamisch-reaktionäre und gotteskriegerische Gesinnung, letztlich auch gegenüber dem eigenen Volk, das sie ohne Zögern zu „Feinden Gottes“ stempeln und in mörderischer Art verfolgen. Doch im Hintergrund haben sie auf dem Höhepunkt der Krise um diplomatischen Kontakt zu den USA gebeten. War das schon ein Zeichen der Schwäche?

Die Sunday Times berichtet nun von 16.500 bis 18.000 Toten – mit einigen Bildern prominenter Opfer – und über 330.000 Verletzten, darunter mindestens 7.000 Augenverletzungen, die sich offenbar gezielten Schüssen verdanken. Die Times spricht von einem „Völkermord unter digitaler Verdunkelung“. Selbst der Oberste Führer Ali Chamenei hat die Tötung „mehrerer tausend“ Bürger während der Aufstände zugegeben. Videos und Berichte bestätigen die kriegsähnlichen Zustände, von denen auch Ärzte schockiert waren. Viele Opfer sind jung, man spricht vom Gen-Z-Aufstand – die alternden Mullahs kämpfen gegen den iranischen „youth bulge“.

Das iranische Justizmedienzentrum dementierte Berichte über ein Todesurteil gegen Erfan Soltani, dessen Hinrichtung angeblich am 14. Januar hatte stattfinden sollen. Zwischendurch hieß es, Soltani sei im Gefängnis zu Tode geprügelt worden. Am Sonntag berichtete die Menschenrechtsorganisation Hengaw von einem Treffen des lebenden Soltani mit seiner Familie.

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