Wenn in Halle-Bruckdorf die Verhältnisse tanzen

vor 8 Monaten

Wenn in Halle-Bruckdorf die Verhältnisse tanzen
Bildquelle: Tichys Einblick

Leider herrschte auf der Buchmesse in Halle ein weitgehendes Fotografierverbot. Aber es lässt sich auch ohne Bilder beschreiben, wie die Veranstaltung am 8. und 9. November verlief. Nämlich ein bisschen anders als von beiden Seiten kalkuliert. Die Dresdner Buchhändlerin und Organisatorin Susanne Dagen und der Betreiber des Messegeländes rechneten mit 5000 Besuchern, es kamen 6000. Das führte zu langen Schlangen am Eingang und am Kaffeestand, Gedränge in den Gängen und Überfüllung bei der einen oder anderen Veranstaltung. An manchen Ständen gingen Bücher vorzeitig aus. Ein Aussteller stellte fest, dass er an einem Tag in Halle mehr verkauft hatte als sonst in drei Tagen auf der Leipziger Buchmesse.

Auch das extrabreite progressive Bündnis stellte fest, dass Plan und Wirklichkeit auseinanderliefen. Ein Vertreter des aus dem „Demokratie leben!“-Topf finanzierten Vereins „Halle gegen rechts“ gab bekanntlich schon weit im Vorfeld das Versprechen ab, mit seiner Truppe „so viel zivilgesellschaftlichen Druck erzeugen, demokratisch und gewaltfrei, dass die Veranstaltung nicht stattfinden kann“. Er erwartete also wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, linke Kommunalpolitiker und sonstige Partner, dass der Betreiber der privatwirtschaftlich organisierten Messe Halle einknicken würde. Als das nicht passierte, zählte man auf den Einschüchterungseffekt des aufmarschierten Blocks in schwarzer Funktionskleidung („Gegenprotest“) und des Halbdutzend vermummten Fotografen, die am Eröffnungstag jeden einzelnen Besucher auf seinem Weg zur Messehalle in ihre hochwertigen Teleobjektive nahmen.

Nach wochenlanger Mobilisierung stellten sich dann allerdings nur etwa vierzig bis fünfzig Alerta!-Rufer hinter einem Absperrgitter und Sichtschutzregenschirmen auf.

Die Besucher machten auch nicht wegen der professionellen Ablichter wieder kehrt. Für einige ergab sich wegen der lauernden Fotografen durchaus ein Problem; eine Messebesucherin aus Norddeutschland meinte drinnen in der Halle, sie hätte sich auf dem Weg mit Schals „verhüllt wie Aische“, denn: „In meiner Umgebung darf niemand wissen, dass ich heute hier bin.“ Für genau diesen Teil des Publikums gab es drinnen die Fotoeinschränkung.

Dass eine privat organisierte Buchmesse unter diesen Bedingungen stattfindet, sagt etwas über den Zustand des Landes. Dass sie am Ende trotzdem mehr Besucher anzog als gedacht, allerdings auch.

Die Bilanz der zwei Tage in Halle einschließlich des monatelangen Vorlaufs sah so aus: Die erwähnten 6000 Besucher auf der Buchmesse, angeblich 600 Linksdemonstranten insgesamt, wobei die Zählweise im Dunkeln blieb. Auf den Bildern vom Messevorfeld, aber auch der Innenstadt ließ sich noch nicht einmal ein Sechstel davon erkennen. Außerdem auf zwei Tage und 35 Veranstaltungen verteilt 1500 Besucher des bunten Zivilgesellschaftsfestivals, das den gleichen Namen trug wie das letzte Buch des Bundespräsidenten, nämlich Wir. Und das trotz intensiver Werbung vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien und Geld aus dem Sechs-Millionen-Etat der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Die Förderung der Kultur schwächt sie“, erkannte schon der in Kulturbetriebskreisen praktisch unbekannte kolumbianische Philosoph Gómez Dávila.

Dass es ungefähr so kommen würde, deutete sich Tage vorher an. Das brachte einen größeren Teil der Medien in eine unbequeme Lage. Denn dort gab man sich schon seit der Terminankündigung von „Seitenwechsel“ große Mühe, die Gefährlichkeit der Veranstaltung nicht nur für Halle, sondern für die ganze Bundesrepublik zu betonen. Vor „Literatur als Türöffner der Neuen Rechten“ warnte die „Tagesschau“ ihr Publikum bereits im März 2025; die ARD-Anstalt MDR wusste schon im Juni, als noch gar kein Messeprogramm existierte: „Die geplante Buchmesse gilt als Szenetreff der Neuen Rechten“; die „Frankfurter Rundschau“ setzte ihre Leser über das „Who’s who der rechtsextremen Bücherszene“ ins Bild, das linke Aktivistenbündnis „Campact“ sah ein „Kameradschaftstreffen der Neuen Rechten“ kommen, die von den Jusos betriebene Organisation „Endstation rechts“ ein „rechtes Vernetzungstreffen“, also eine Art Potsdamer Geheimtreffen, nur eben öffentlich.

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