Es gab eine Zeit, da schlug ich die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf, um Deutschland beim Denken zuzusehen. Ende der Nuller-, Anfang der Zehnerjahre befand sich Frank Schirrmacher, Herausgeber und Feuilletonchef der FAZ, auf dem Zenit seiner intellektuellen Wirkmacht. Ich hingegen wurde gerade erst erwachsen, und doch hatte ich, wenn ich die Zeitung las, das Gefühl, ernst genommen zu werden. Ganz so, als würde in diesem Moment eine Verbindung zwischen mir und den illustren Autoren entstehen, die Schirrmacher auf seinen Seiten gegeneinander antreten ließ: auf dass das beste Argument gewönne – und ich durfte Schiedsrichterin sein.
Ich plante damals nicht, Journalistin zu werden (ich ahnte nicht, wie großartig dieser Beruf ist, bis ich ihn ausprobierte und feststellte, dass man tatsächlich dafür bezahlt werden kann, penetrante Fragen zu stellen), doch unabsichtlich bereitete ich mich auf die Branche vor. Die FAZ las ich wie andere die Bunte: Mindestens ebenso interessant wie die Inhalte fand ich die Ränkespiele innerhalb der Redaktion. Wer durfte wann worüber und wie ausführlich schreiben? Wer wurde befördert, wer degradiert oder weggelobt? Ich musste mir das Wissen aus Bruchstücken zusammensetzen, aus den Texten selbst, dem wenigen Klatsch, den man in meiner Heimatstadt Frankfurt zu hören bekam, und meiner Fantasie.
Der ehemalige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher
Das ehemalige Verlagsgebäude der FAZ
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