Ein Städtetrip der anderen Art: Urlaub in der ukrainischen Hauptstadt Kyiv

vor etwa 2 Monaten

Ein Städtetrip der anderen Art: Urlaub in der ukrainischen Hauptstadt Kyiv
Bildquelle: Apollo News

Es ist Anfang Mai, und ich bin auf dem Weg, in der Ukraine Urlaub zu machen. Das Land ist in diesen Zeiten wohl nicht das konventionellste Reiseziel, doch meine Reise hat nicht nur touristische Motive. Ich möchte Freunde in Kyiv und Lemberg besuchen, die ich aus dem Studium kenne. Schon seit über einem Jahr habe ich sie nicht mehr gesehen. Zudem bin ich neugierig. Wie ist es, ein Land zu besuchen, das sich seit vier Jahren im Krieg befindet? Wie ist die Stimmung der Menschen in der Ukraine? Also buche ich meine Züge und sage meinen Freunden Bescheid. Sie freuen sich auf meinen Besuch, ich bin der erste Nicht-Ukrainer, den sie persönlich kennen, der das Land seit Kriegsbeginn besucht.

Meine Reise beginnt in Leipzig. Es ist Mittwochmorgen, und ich steige am Hauptbahnhof in einen Zug der polnischen Eisenbahnen, der mich bis an die ukrainische Grenze bringen wird. Seit letztem Dezember gibt es täglich einen Direktzug von Leipzig nach Przemyśl, einer polnischen Kleinstadt, die direkt an der Grenze zur Ukraine liegt. Ich bin in einem Abteil mit einer jungen Frau, Iryna, und ihrem fünfjährigen Sohn. Sie spricht kein Englisch, aber ein wenig Deutsch. Wir kommen ins Gespräch. Ihr Mann, der Vater des Kindes, dient in der ukrainischen Armee und hat derzeit Urlaub. Sie selbst habe das Land bei Kriegsbeginn mit dem damals erst wenige Monate alten Kind verlassen, komme aber regelmäßig zurück, um ihren Mann zu besuchen. Auch damit er Zeit mit seinem Sohn verbringen kann, den er sonst nur über Videoanrufe aufwachsen sieht. Gegen Ende der Zugfahrt wird Iryna zunehmend nervös. Der Zug hat mittlerweile fast eine Stunde Verspätung, und die Umsteigezeit auf den Zug der ukrainischen Eisenbahn, der von Przemyśl aus die Grenze überqueren wird, schmilzt zusammen.

Sie macht sich Sorgen, den Zug zu verpassen und dann nachts mit ihrem kleinen Sohn in Przemyśl zu stranden. Zwar warten ukrainische Züge in der Regel auf die Züge der polnischen Eisenbahn, um gerade solche Situationen zu vermeiden. Doch mit Sicherheit kann das niemand sagen, insbesondere nicht in Kriegszeiten. Wer an der Grenze strandet, kann zudem nicht einfach den nächsten Zug nehmen. Denn es ist schwierig, Fahrkarten für einen Zug aus Polen in die Ukraine zu bekommen. Oft sind die Tickets schon wenige Minuten nach Verkaufsstart ausverkauft, denn der Zug ist momentan die einzige verlässliche Möglichkeit, in die Ukraine einzureisen oder aus ihr auszureisen. Der Luftraum über dem Land ist gesperrt, und wer mit dem eigenen Auto oder dem Fernbus einreist, muss oft bis zu zwölf Stunden lange Wartezeiten an der Grenze in Kauf nehmen.

Wenige Minuten vor unserer Ankunft in Przemyśl verabschiedet sich Iryna von mir und den anderen Reisenden im Abteil und eilt zusammen mit ihrem Sohn in den hinteren Teil des Zuges, um bei der Ankunft möglichst schnell zur Grenzkontrolle zu kommen. Ob sie es geschafft hat, ihren Zug noch zu erwischen? Ich weiß es nicht. Ich übernachte in Przemyśl. Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, schon um halb sechs verlasse ich mein Hotel, zwei Stunden bevor der Zug abfährt. Meine Freunde haben mir geraten, möglichst früh zur polnischen Grenzkontrolle zu gehen, man müsse dort oft mehr als eine Stunde warten. Ihre Warnungen erweisen sich als übervorsichtig, die Grenzkontrolle dauert bei mir nicht einmal eine Minute. Ein müder polnischer Grenzbeamter schaut kurz in meinen Pass und gibt ihn mir kommentarlos zurück.

Nach einer Stunde Wartezeit und einem überraschend tolerablen Kaffee aus dem Automaten im Wartebereich der Grenzkontrolle lässt man uns dann endlich zum Zug in Richtung Kyiv. Die ukrainischen Züge halten auf einem gesonderten Teil des Bahnhofs, denn das ukrainische Eisenbahnnetz hat als Erbe der sowjetischen Zeit eine andere Spurweite als das europäische. Auch die Grenzkontrolle durch die Ukrainer ist überraschend angenehm. Sie findet während der Fahrt im Zug statt. Die Grenzbeamtin schaut kurz in meinen Pass und stempelt dann das Einreisedatum. Ein anderer Grenzbeamter stellt mir die Frage, ob ich Waffen, Drogen oder Medikamente dabeihätte. Nachdem ich das verneine, kann ich meine Fahrt gen Kyiv ungestört fortsetzen. Im modernen und komfortablen Zug könnte man fast vergessen, dass man durch ein Land fährt, das sich im Krieg befindet. Doch beim Blick in die Merkblätter, die sich in den Stautaschen hinter den Sitzen befinden, ändert sich das schnell.

Sie enthalten detaillierte Anweisungen, was bei einem russischen Luftangriff auf den Zug zu tun ist. Nicht ohne Grund, denn allein 2025 hat die russische Armee mehr als 1200-mal ukrainische Züge und Zuginfrastruktur angegriffen. Viele dieser Angriffe richten sich gegen statische Ziele wie Bahnhöfe und Stellwerke, doch immer wieder werden auch Passagierzüge Ziel russischer Langstreckendrohnen. Auch wer beim Blick aus dem Fenster aufmerksam ist, bemerkt schnell die Zeichen des Krieges. Beispielsweise an den Eisenbahnbrücken, an denen stets Soldaten positioniert sind, die offenbar Sabotageakte an dieser wichtigen Infrastruktur verhindern sollen. Oder in der vorbeiziehenden ukrainischen Landschaft, in Dörfern und Städten, in denen auf jedem Friedhof Flaggen über den Gräbern gefallener Soldaten wehen. Eine traurige Erinnerung an den hohen Blutzoll, den das Land für seinen Kampf für die Freiheit zahlen muss.

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