Ein glänzendes Epochenbuch

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Ein glänzendes Epochenbuch
Bildquelle: Tichys Einblick

Kraus greift ein Lebensgefühl auf, das viele Europäer seit Jahren beschleicht und das der zu früh verstorbene FDP-Chef Guido Westerwelle schon 2013 als „spätrömische Dekadenz“ beschrieben hat. „Sind die Tage des Westens gezählt? Ist er ermüdet? Werden antiwestliche Gegenkulturen zur Hauptkultur? Wird es einsam um den Westen? Jedenfalls schwankt der Westen. Nach Jahrhunderten der Europäisierung und Verwestlichung der Welt sehen sich Europa und der Westen massiven Bedrohungen von außen ausgesetzt: wirtschaftlich, demografisch, kulturell, religionspolitisch, militärisch. Siehe die Bedrohungen durch den Islamismus, siehe Chinas expansiven Darwinismus und siehe Russlands Nationalismus.“

Doch Josef Kraus belässt es nicht bei einer mit Selbstmitleid garnierten Beschreibung à la Hamlet („die Zeit ist aus den Fugen, oh Schmach und Gram, dass ich sie einzurichten kam“), sondern forscht nach, geht in die Tiefe: „Die wohl größte Bedrohung des Westens kommt aber von innen: Geburtenschwund, Wohlstandsverwahrlosung, Übersättigung, Nachlassen der Verteidigungsbereitschaft, Selbstzweifel bis hin zu Schuldneurosen, Deindustrialisierung, nihilistische „Moral“, Toleranzdelirium, moralisierende Totalitarismen, suizidale Sehnsucht nach dem Verschwinden aus der Geschichte. Es ist ein totalitär-wokes Gebräu aus Ideologien und Ersatzreligionen, das in schier rauschhafte Dekadenzphasen führt.“

Es gibt verschiedene Blickpunkte, sich dieser Realität zu nähern. Alexander Kissler erkennt in unserer Gegenwart „Die infantile Gesellschaft“, Alexander Wendt arbeitet die „Verachtung nach unten“ durch eine selbst ernannte Moralelite heraus, Kraus bindet diese analytischen Fäden zu einem zuweilen verstörenden Zeitgewebe zusammen. Und weil der renommierte Gymnasiallehrer Kraus seinen Schülern keine beleglosen Behauptungen hätte durchgehen lassen, arbeitet er sich in einem er- und bedrückenden Indizienprozess durch die Faktenlage der Gegenwart.

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