Eine häufig vorgebrachte Klage angesichts der gegenwärtigen Debattenkultur ist das Fehlen einer solchen: Die Bildung von Echokammern, die moralische Überhöhung der eigenen Position; Emotionalisierung des Diskurses und mangelnde Selbstreflexion: das sind nur einige der Phänomene, die Gespräche über kontroverse Themen erschweren. Eines der am schärfsten polarisierenden Themen ist sicher Abtreibung. Anders als bei vielen anderen Fragen, in denen sich Ideologien und ihre Vertreter zwar unversöhnlich gegenüberstehen, Individuen aber oftmals doch viele Gemeinsamkeiten finden, sobald nicht Statistik oder Stereotyp, sondern persönliche Begegnung die Diskussion prägt, bleibt es bei diesem Thema oft hitzig, auch dann, wenn man unter vier Augen miteinander spricht. Aggression, persönliche Verletzungen, intime Ängste – echter Austausch ist schwierig bei diesem nicht nur ideologisch aufgeladenen Thema.
Mitten in diese vertrackte Situation hinein wagt sich die Psychologin Sabina Scherer mit ihrem Buch „Mehr als ein Zellhaufen. Wie wir konstruktiv über Abtreibung sprechen können.“ Ein notwendiges, hilfreiches Buch, und eines, das vollumfänglich einlöst, was der Titel verspricht.
Bevor inhaltliche Einzelheiten erörtert werden sollen, sei der Hinweis erlaubt, dass dieses Buch nicht nur zum Thema Abtreibung wichtige Hilfestellungen bietet, sondern für jegliche Diskussion. An sich selbstverständliche, aber weithin vergessene Grundlagen des Dialogs werden hier vermittelt: Wie etwa jene, dem Gegenüber grundsätzlich mit Wohlwollen zu begegnen, den anderen ernst zu nehmen, und – ohne Naivität – im Zweifel nicht sinistre Motive zu unterstellen, sondern gute Intentionen. All das hebt sich bereits wohltuend ab von der oft von Überheblichkeit und Misstrauen gekennzeichneten Diskussionskultur unserer Tage.
Beides zieht sich konsequent durch Scherers Ausführungen: Der Leser bleibt nie im Dunkeln über ihre persönliche Haltung, die sie freimütig bekennt. Zugleich wird er niemals manipuliert: Scherer baut keine künstliche Dialektik auf, um neutral zu erscheinen, wo sie es nicht ist, stellt aber Gegenargumente differenziert dar.
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