Der Text über den erreichten Kipppunkt beim „Vote Shaming“ hat eine hohe Anzahl an Reaktionen bei den Lesern ausgelöst. Viele Leser bestätigten die beschriebenen Erfahrungen aus ihren direkten oder näheren Umfeldern. Andere widersprachen und erklärten, sie könnten diese Tendenz in ihrem eigenen Umfeld überhaupt nicht beobachten. Deutschland kippt selten gleichzeitig. Es kippt schichtweise, regional, altersabhängig, milieugeprägt. Wer in einem rotgrünen Beamtenviertel, einer Universitätsblase oder einem öffentlich-rechtlich durchwärmten Freundes- und Bekanntenkreis lebt, erfährt nach wie vor eine andere Wahrnehmung als der Handwerker, der Unternehmer, die Verkäuferin, der Arzt in der Notaufnahme, der Pendler, die Mütter und Väter, die ihre Kinder morgens durch einen verwahrlosten Bahnhof schicken, Jugendliche, die auf Schulhöfen, in Klassenräumen, auf den Schulwegen malträtiert werden.
Gerade dieser Widerspruch ist aufschlussreich. Die alte Bundesrepublik der sozialen Kontrolle funktioniert noch dort, wo berufliche Abhängigkeit, moralische Konformität und politische Milieupflege eng zusammenliegen. Dort wird weiter geflüstert, markiert, sortiert, gepolenzt. Dort reicht ein falscher Satz zur inneren Sicherheit oder zur AfD, um aus der warmen Zone der Anständigen in die Kälte gestellt zu werden. In anderen Milieus ist dieser Mechanismus komplett stumpf geworden. Die Leute reden untereinander offen. Sie lachen über die alten Drohformeln. Sie entschuldigen sich nicht mehr beim Mitteilen ihrer Ansichten darüber, was falsch läuft. Es gibt keine Disclaimer mehr, die entschuldigend als Kleingedrucktes hinterherkommen. Es wird hart auf jedes Etikett geschissen. Sie fragen, wer ihnen die Zustände eingebrockt hat. Das ist vielerorts die Situation.
Über Jahre bestand die Methode darin, AfD-Wähler sozial zu beschämen. Man musste sie nicht widerlegen, man musste sie nur moralisch aussortieren. In Familien riss das Gespräch ab, in Freundeskreisen wurden Einladungen seltener oder blieben ganz aus, in Betrieben galt schon der Verdacht als Karrierekiller. Die Botschaft lautete: Wer AfD wählt, verlässt den erlaubten Raum. Diese Drohung lebte davon, dass genug Menschen Angst hatten, allein dazustehen und bloß nicht den Mund dazu aufzumachen.
Diese Angst ist vielerorts gewichen und an anderen Stellen schwindet sie von Tag zu Tag mehr. Sie schwindet dort zuerst, wo die Folgen der Politik am deutlichsten sichtbar sind. In Stadtteilen, in denen Schulen überfordert sind. In Kommunen, die keine Wohnungen mehr haben. In Innenstädten, in denen Sicherheit zum Tagesordnungspunkt geworden ist. In Betrieben, die unter Energiepreisen, Bürokratie und Abgabenlast ächzen. In Familien, die den Unterschied zwischen offizieller Lagebeschreibung und eigenem Alltag längst nicht mehr überbrücken können. Die moralische Belehrung verliert ihre Macht, sobald sie gegen tägliche Erfahrung anreden muss.
Natürlich heißt das nicht, dass plötzlich alle AfD wählen. Es heißt auch nicht, dass jeder, der sie nicht wählt, in seinem Umfeld zur Rede gestellt wird. Diese grobe Lesart wäre bequem, aber falsch. Es geht um eine Verschiebung des sozialen Drucks. Lange musste sich der AfD-Wähler erklären. In immer mehr Runden muss sich inzwischen der erklären, der nach Merkel, Ampel, Merz und immer neuen gebrochenen Versprechen noch behauptet, die alte Parteienordnung könne den Schaden korrigieren, den sie selbst angerichtet hat.
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