Die Abgehobenen

vor 4 Monaten

Die Abgehobenen
Bildquelle: NiUS

Die Entkoppelung von CDU und SPD von ihren Wählern kann man an ganz einfachen Beispielen festmachen. Die SPD hat sich von ihren Wählern entfremdet. Der Bundeskanzler der CDU hat sich von seinen eigenen Versprechen entfremdet. Gerhard Schröder sagte noch: Hol mir mal ’ne Flasche Bier. Der SPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg sagte zu seinem Chauffeur: Hol mir mal ’ne feine Entenpastete aus Frankreich.

Gerhard Schröder und Franz Müntefering hätten diesen Mann, der dann 5,5 Prozent holte, noch vor der Wahl hochkant rausgeworfen.

Und hier ist der Bundeskanzler und das, was er VOR der Wahl zur Mehrwertsteuer gesagt hat – und was er heute sagt:

Der wohl häufigste Satz, den Sie in den letzten Jahren über CDU und SPD gehört haben, lautet: Den großen Volksparteien laufen die Wähler weg. Aber wie nahezu alle Sätze, die nahezu alle Hauptstadtjournalisten ständig wiederholen und sich gegenseitig erzählen, ist dieser Satz falsch.

Die aktuelle Folge „Achtung, Reichelt!“ sehen Sie hier:

Nicht die Wähler laufen den Parteien weg, sondern die Parteien laufen ihren Wählern weg – und zwar nach links. Und nicht nur laufen sie weg, sie sind dabei auch längst den Milieus und gesellschaftlichen Realitäten entschwebt, die sie einst so lustvoll und leidenschaftlich repräsentiert haben, dass Menschen sie aus tiefer Überzeugung, aus Begeisterung, mit Zuneigung, ja, nicht selten sogar politischer Liebe wählten.

Die CDU wurde für ihre sture, unbeirrbare Vernunft gewählt. Die SPD für ihr kämpferisches, manchmal poetisches Aufstiegsversprechen. Die CDU dafür, dass alles Gute so bleibt, wie es ist. Die SPD dafür, dass alles Schlechte einmal besser wird. Ihre Anführer verstanden und verkörperten das Land, weil ihre Geschichten und Lebenswege den Biographien gewaltiger Mehrheiten ähnelten. Sie repräsentierten im besten und bodenständigsten Sinne, die Sozialdemokraten meistens etwas glamouröser und lässiger als die Konservativen, die Konservativen dafür mit etwas mehr historischer Weitsicht, die schnell verstaubt und langweilig erscheinen kann.

Der einzige Klassenkampf, den es gab, richtete sich von unten gegen oben. Heute richtet er sich von oben gegen unten. Wer dieses Land kennt und liebt und sich die Mühe macht, nicht den Klischees der Hauptstadtjournalisten zu folgen, sondern selbst mit den Menschen zu sprechen, der weiß: Obwohl ganze Industrien wie die Kohle verschwunden sind, sind die Milieus mit ihren unterschiedlichen Sichten auf die Welt noch immer da. Aber die Parteien sind es nicht mehr. Ihr Spitzenpersonal hat sich an einem Phantasieort namens „demokratische Mitte“ hinter abgewrackten Durchhalteparolen, weltanschaulichen Schwüren, ideologischen Bekenntnissen, gescheiterten Ideen, durchschaubaren Ausreden und trotzigem Getöse verbarrikadiert. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – das ist ihr letztes Argument.

Friedrich Merz und Lars Klingbeil haben die Verbindung zu ihren Wählern längst verloren.

Publisher Logo

Dieser Artikel ist von NiUS

Klicke den folgenden Button, um den Artikel auf der Website von NiUS zu lesen.

Weitere Artikel