Nicht einmal seine Rücktrittsrede lassen die Briten ihn in Würde halten: Als Großbritanniens Premierminister Keir Starmer am Montagvormittag vor seinem Amtssitz, der Downing Street Nr. 10, vor die Presse tritt, spielen Pro-EU-Demonstranten in der Nähe die Europahymne so laut ab, dass der Labour-Chef während seiner Erklärung oft gar nicht richtig zu hören ist. Am Ende seiner Stellungnahme kämpft Starmer sichtlich mit den Tränen. Die Szene steht sinnbildlich für seine Amtszeit, die von vielen Linken auch hierzulande mit großer Hoffnung empfangen wurde.
Starmer hat bis zum Schluss gekämpft – bereits Ende April meldete Apollo News sein „Endspiel“. Der britische Premier hat es nun geschafft, die längst absehbare Niederlage zwei Monate lang hinauszuzögern. Am Montag konnte er schließlich dem Druck aus der eigenen Partei und seinem Kabinett nicht mehr standhalten. Am Vortag des 10. Jahrestags des Brexit-Referendums hat er als bereits sechster Premierminister seit der Abstimmung das Handtuch geworfen. Zu katastrophal sind die Beliebtheitswerte, zu sehr ist die Glaubwürdigkeit des Premiers durch den Mandelson-Epstein-Skandal beschädigt.
Als Starmer vor zwei Jahren bei der Unterhauswahl triumphierte und eine historische Mehrheit für seine Labour Party errang, wurde in britischen Medien schnell über eine neue Labour-Ära spekuliert. Mit seiner großen Mehrheit hatte Starmer die Möglichkeit, das Land nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Geliefert hat er jedoch vergleichsweise wenig: Das britische Oberhaus wurde radikal umgestaltet, eine jahrhundertealte Institution wurde so entwurzelt. Es folgte eine halbherzige Arbeitsrechtsreform. Zuletzt kündigte Starmer auch noch ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige an.
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