Es gibt einen zuverlässigen Anzeiger für Themenkonjunkturen in der westlichen Welt: ein mittelständisches Unternehmen mit Sitz in New York, 27 Union Square, das kein Produkt im klassischen Sinn verkauft, aber gute Umsätze verbucht und sich außerdem niemals ‘Unternehmen‘ nennen würde: Die Organisation Avaaz, 2007 gegründet mit einem Startgeld von MoveOn, einer Spendensammelplattform der US-Demokraten und dem Open Society Fond vor George Soros. Wann immer ein Thema in den vergangenen achtzehn Jahren das progressive Lager erfasste, verschickte Avaaz dazu Massenmails mit der Ankündigung, eine entsprechende Kampagne zu organisieren, und bat um Spenden. Im Jahr 2016 erklärten die Avaaz-Mitarbeiter, unter dem Motto „Defeat Trump“ eine Werbekampagne gegen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu starten, die nicht unbedingt in Bezug auf das ausgegebene Ziel zum Erfolg führte, aber jedenfalls zu einem soliden Geldstrom. Über lange Zeit lautete das zentrale Avaaz-Thema „Klimawandel“, und das in allen Varianten, von abbrennenden Regenwäldern bis zum bevorstehenden Tod der Bienen und Schmetterlinge in Europa.
Eine typische Avaaz-Nachricht an die Adressen der weltweit angeblich 68 Millionen registrierten Unterstützer las sich so: „Für vier Kontinente sind extreme Hitzewarnungen ausgesprochen und Kanada steht seit Monaten in Flammen. Der Himmel über den USA färbte sich grell-orange, die Bewohnerinnen und Bewohner Pekings suchen Schutz in Kellern, Teile Europas gleichen einem glühenden Ofen und Millionen Menschen verhungern aufgrund einer extremen Dürre in Ostafrika. Und das ist erst der Anfang“
Gleich darunter konnten die Empfänger per Klick wählen, ob sie ein-, zwei- oder dreimal wöchentlich für „bahnbrechende Gerichtsverfahren“ gegen Ölunternehmen und das „Anheuern der besten Experten“ spenden wollten – wobei die Sendschreiben grundsätzlich niemals Details über die angeblich finanzierten Prozesse, Experten und sonstige Aktivitäten nannten, ebenso wenig wie zu den Überlebenden des europäischen Glutofens und den genauen Standorten der Pekinger Hitzeschutzkeller. Für 2022 verzeichnete Avaaz einen Umsatz von 27,4 Millionen Dollar. Als Gründer und CEO Ricken Patel die Organisation 2021 verließ, betrug sein letztes Jahressalär laut US-Steuerformular 189 296 Dollar, zuzüglich einer Extrazahlung von 59 997 Dollar.
Die einzelnen medial-politischen Erregungswellen der letzten Zeit lassen sich im Avaaz-Archiv in großer Klarheit ablesen: Kampf gegen das Chemieunternehmen Monsanto, Kampf gegen Trump, 2019 vor allem in Westeuropa auch schon der Kampf gegen rechts, ab 2021 fast monothematisch die Verhinderung der Klimahölle durch Massenspenden. Dass alle großen Bewegungen in Konjunkturzyklen auf- und anschließend wieder absteigen, wann sie auch nie ganz verschwinden, das dürfte niemand besser wissen als die Organisation am Union Square. Hier hängt schließlich der Erfolg ganz und gar davon ab, bloß nicht zu spät von einem abgezehrten Geschäftsfeld zur nächsten großen Sache zu wechseln. Dass „Klimawandel” nicht mehr so zieht wie vor drei Jahren, belegen zum einen die rückläufigen Teilnehmerzahlen bei FFF-Märschen in Deutschland, zum anderen auch der Umstand, dass Greta Thunberg mittlerweile ein im Vergleich zum Klima thematisch eher schmales, aber aufmerksamkeitsökonomisch durchaus ertragreiches Terrain beackert.
Worin besteht nun das nächste ganz große Ding, dem sich Avaaz in den kommenden Jahren widmen will? In einer Mail vom März 2025 teilt Nell Greenberg von Avaaz ihren Anhängern Folgendes mit. Die Beigabe der Lebensfreude kommt nach den Klimatodjahren in der Tat etwas überraschend, das Hauptstück allerdings hätte jeder beliebige X-Leser vermutlich richtig vorausgesagt: Der Kampf gegen den Faschismus löst die Klimatodbewegung unübersehbar nicht nur in Deutschland ab, sondern auch in den USA und anderswo, wobei Deutschland auch diesmal wieder als Hauptreferenzgebiet dient.
Natürlich droht der Faschismus nicht erst jetzt. In dieser Beziehung steht die Uhr gerade in der Bundesrepublik spätestens seit den Endsechzigern konstant auf fünf Sekunden vor zwölf. Das Neue liegt im Aufstieg des seit gut fünfzig Jahren präsenten Themas zum allüberwölbenden Paraplü, unter dem dann alle anderen Subgenres von Rassismus bis Kolonialgeschichte ihren Platz finden, so, wie vorher „Klima“ die solitäre Kuppel bildete, die alles beschirmte, von der Agitation gegen Israel („no climate justice on an stolen land“) bis zum Feldzug gegen das Patriarchat („Männer, die die Welt verbrennen“).
Das, was der britische Autor Douglas Murray in “The strange death of Europe“ („Der Selbstmord Europas“) schon vor Jahren feststellte, gilt mit dem Aufstieg von ‘Faschismus‘ zum Hyperwort mindestens des Jahrzehnts jetzt erst recht. „Wenn es um Antifaschismus in weiten Teilen Westeuropas geht“, so Murray, „kommt es zu einem Problem mit Angebot und Nachfrage: Der Bedarf an Faschisten übersteigt das Angebot bei weitem.“ Das gilt schon seit einiger Zeit; allerdings steht das Engagement von Leuten wie jene bei Avaaz auch nie am Anfang einer neuen Welle; sie kommen ähnlich wie Investmentfonds erst, wenn sie schon eine Weile rollt. Mit diesem Aufstieg verschärft sich der von Murray angesprochene Lieferengpass natürlich extrem. Das lässt sich allerdings auf eine wirklich sehr einfache Weise ausgleichen, nach einer Methode übrigens, die schon bei „Klima“ exzellent funktionierte: maximale Dehung der Begriffshülle. Schon George Orwell meinte: „Das Wort ‘Faschismus’ hat mittlerweile keine Bedeutung, da es nur so viel heißt wie ‘etwas nicht Wünschenswertes’.”
Mit dieser Definition lässt es sich heute noch zehnmal besser arbeiten als jemals zuvor. Das passende Axiom dazu lautet: Faschismus ist, was die Wohlgesinnten dazu erklären. Wer Fragen stellt oder sogar widerspricht, enttarnt sich sofort als Teil des metafaschistischen Komplexes, wodurch er ihn wiederum vergrößert. Die Faschismusmaschine funktioniert als echtes Perpetuum mobile, weil sie jeden Reibungsverlust mit der Realität vermeidet. Sie rotiert in ihrem ganz eigenen Bedeutungsraum; darin erinnert sie ein bisschen an die berühmte 360-Grad-Mussolini-Büste von Renato Bertelli, die immer das gleiche Bild zeigt, egal aus welcher Perspektive.
Bevor es um die nähere Funktionsweise der vollautomatischen Faschismusmühle und ihre Auswirkungen geht, soll ein kurzer Überblick zeigen, was der F-Begriff mittlerweile alles umfasst.
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