„Ich will nicht in die Kita, Mama!“

vor etwa 1 Jahr

„Ich will nicht in die Kita, Mama!“
Bildquelle: Tichys Einblick

Es gibt Tage, da spüren Eltern schon vor dem Aufstehen: Heute wird einer dieser Tage. Ein Morgen, der Kraft verlangt, Geduld, Präsenz – obwohl man selbst nur einen Hauch davon im Schlaf getankt hat. Ein Tag, an dem das Kind nicht aufstehen will, sich nicht anziehen mag. Keine Motivation zeigt, in den Kindergarten zu gehen.

Der Idealfall – ein freudiger, neugieriger Start – scheint weit entfernt. Und doch kennen wir das alle. Ob 6, 16 oder 36 Jahre alt: Jeden Tag raus in ein System, in dem man funktionieren muss: Ob Kita, Schule, Uni oder Arbeitsplatz – die Mechanismen sind erstaunlich ähnlich. Nur die Verpackung verändert sich.

Ich denke zurück an meine eigene Kindergartenzeit. Erinnere mich an das großzügige Außengelände, an das Rennen, Toben, Durchatmen.

An die grauen Toilettenräume, vor denen ich etwas Angst hatte. An Geburtstagskinder im Morgenkreis – auf einem Stuhl, hochgehoben von Erzieherinnen, während wir sangen: „Hoch sollst du leben!“. Vor allem erinnere ich mich an das Basteln und Malen.

Diese Momente völliger Versunkenheit, wenn man klebte, pinselte, schnitt, faltete. Ganz bei sich. Ganz im Flow. Ich erinnere mich an Raum. An Möglichkeiten. An Freiheit. Und an die widersprüchlichen Gefühle, wenn ich abgeholt wurde: Ich freue mich meine Mutter zu sehen, bin zugleich aber auch traurig, diesen Rahmen nun zu verlassen, in dem ich irgendwie viel selbstständiger war als zuhause.

Ich erinnere mich an Malte. In den war ich verliebt. An meine beste Freundin mit mir zusammen im Sandkasten.

Ich erinnere mich nicht an Enge. Nicht an Überforderung. Nicht an Gewalt oder Aggressionen unter Kindern. Nicht an Selbstverteidigungskurse, die innerhalb von einer Stunde ausgebucht waren. Nicht an Lautstärke die nicht auszuhalten war. Nicht an Kopfhörer, die man tragen durfte, wenn „das besondere Kind“ besonders laut herumschrie. Das aber sind die Themen, um die es heutzutage in der Kita geht. Die berechtigten Gründe für das Jammern meiner Tochter: „Ich will nicht in die Kita, Mama!“ Diese Gespräche führe ich auch oft unter Zeitdruck mit ihr. Einige Dinge sind nun mal, wie sie sind, auch wenn sie sie nicht mag. Es gibt Dinge, die muss man aushalten: früh aufstehen, Zähne putzen, sich selbst anziehen usw.

Aber es kommen immer mehr Dinge hinzu, die ein Kind heutzutage aushalten muss – Dinge, die es eigentlich nicht aushalten sollte. Als Elternteil ist es ein ständiger Balanceakt: Gespräche mit den Erziehern zu führen, ohne zu viel zu kritisieren, dabei Wertschätzung zu zeigen, aber trotzdem für das Kind einzutreten. Und dann diese Angst, dass, wenn man zu viel sagt, das eigene Kind darunter leiden könnte – unbeliebt wird, sich ausgegrenzt fühlt. Also lieber weniger sagen.

Und Heute? Heute sitze ich wieder an einem dieser Tage vor meiner Tochter. Sie ist still, in sich gekehrt – und sagt es noch einmal: „Ich will nicht in die Kita, Mama.“

Ich frage sie, bemüht, verständnisvoll zu bleiben: „Warum willst du nicht in die Kita, Schatz?“ Und während ich die Worte spreche, hoffe ich insgeheim, dass es einer dieser typischen Gründe ist: Es ist langweilig. Es ist doof. Oder vielleicht der Satz, der mir jedes Mal einen leisen Stich versetzt – aber auf den ich innerlich vorbereitet bin: „Mit mir spielt niemand.“ Auch diesen Satz haben wir schon oft besprochen, aufgefächert, hinterfragt. Ich erkläre ihr dann, dass Beziehungen sich verändern dürfen. Ich baue sie auf, suche gemeinsam mit ihr nach Lösungen – damit sie nicht abrutscht in das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist schwer geworden, Eltern zu sein, denke ich. Wirklich schwer.

Dann zögert sie. Und sagt leise: „Ich will heute nicht mit den anderen spielen.“

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