Abgesehen von Friedrich Merz hatte es kein Bundeskanzler so schwer. Kein Bundeskanzler ermöglichte so viel Positives wie Konrad Adenauer. Von keinem Bundeskanzler können wir in der Gegenwart so viel lernen.
Man stelle sich einen Menschen vor, der während des Ersten Weltkriegs Beigeordneter einer großen Stadt im Kaiserreich ist. Der in einer großen Hungersnot unter anderem mit der Erfindung der Sojawurst dafür sorgt, dass die Bevölkerung die Krise übersteht. Der dann zum Oberbürgermeister gewählt wird und die Stadt durch die Zeit der Niederlage des eigenen Landes sowie der Revolution und Besatzung führt. Der dann in der neu entstandenen Republik mehrfach als Kanzler zur Debatte steht – sich für die Demokratie einsetzt. Nach dem Scheitern der Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten weigert dieser Mensch sich, deren Flaggen zu hissen, und muss daraufhin sein Amt verlassen. Er muss sich verstecken, wird interniert, muss wieder fliehen, wird verhaftet. Seine Frau wird festgenommen, gefoltert, versucht, sich umzubringen. Irgendwie übersteht dieser Mensch jene schreckliche Zeit, muss im Oktober 1945 aber abermals sein Amt als Oberbürgermeister räumen, weil die Briten ihn wegen zu großer Eigenständigkeit nicht dulden wollten.
Altbundeskanzler Konrad Adenauer im Jahre 1966
Keine drei Jahre später stirbt seine geliebte zweite Ehefrau „Gussi“ mit nur 52 Jahren, die sich nie vom Horror der Nazizeit erholte. Die erste Ehefrau Emma starb während des Ersten Weltkriegs. Der Mann ist nun 72 Jahre alt, ist im Rentenalter, hat nicht nur ein, sondern etliche Leben hinter sich. Sein Land liegt in Trümmern, sein Volk hat ihn verraten, er wurde verfolgt und gedemütigt.
Man stelle sich all das vor und müsste nun darauf wetten, wie das restliche Leben dieses Mannes weitergehen wird. Niemand würde einen Cent auf eine spannende Entwicklung setzen. Verständlicherweise nicht. Die Geschichte eines jeden normalen Menschen wäre an dieser Stelle auserzählt. Die Geschichte Konrad Adenauers sollte gerade erst anfangen.
Bundeskanzler Konrad Adenauer sitzt 1959 in seinem Arbeitszimmer im Palais Schaumburg in Bonn.
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