Der verlorene Glaube an die Meinungsfreiheit

vor 10 Monaten

Der verlorene Glaube an die Meinungsfreiheit
Bildquelle: Tichys Einblick

Es gibt eine Freiheit, an die haben viele Menschen ihren Glauben verloren – die Meinungsfreiheit. Das ist deshalb so gefährlich, weil Meinungsfreiheit eng verknüpft ist mit dem Vertrauen in die Demokratie. Dieser Vertrauensverlust begegnet mir nicht nur online, sondern manchmal auch offline.

Ein besonders eindrückliches Erlebnis hatte ich auf einem Dreh für die Redaktion Landespolitik des BR. Ich war damals in eine kleine Gemeinde nahe des Starnberger Sees gefahren. Mehr Windkraft in Bayern, darum sollte es in meinem Fernsehbeitrag gehen. Dafür brauchte ich auch Stimmen aus dem Dorf.

Mit meiner Kamerafrau stehe ich also vor einer Garage, das BR-Mikro in der Hand. Ein Mann, vielleicht Ende 30, steht mir gegenüber. Ich habe ihn gerade gefragt, wie er Windräder finde. Er mustert mich. „Sie sind bestimmt ’ne Grüne“, sagt er dann plötzlich. Ich, verdutzt, zögere kurz. „Nein!“, reagiere ich abwehrend. Was wohl eher ertappt als glaubhaft wirkt. Seinen misstrauischen Blick verliert er jedenfalls nicht. Er empfindet die Berichterstattung in den Medien, gerade bei uns Öffentlich-Rechtlichen, als oft verzerrt. Wir würden Dinge auslassen, sagt er. Nur das erzählen, was in unsere Linie passt.

Ich will ja gerade nicht verzerren und brauche deshalb dringend noch ein paar Windkraft-kritische Meinungen, versuche ich ihn zu überzeugen. Denn das ist der Grund, warum ich mit ihm rede. Ich mache eine Umfrage im Ort. Pro-Windkraft-Meinungen habe ich für meinen Beitrag schon einige eingesammelt, da hatten die Leute überhaupt keine Scheu, mit Namen und Gesicht vor die Kamera zu gehen. Die Contra-Meinungen gestalten sich allerdings schwierig.

Der Mann ist der erste, der ehrlich seine skeptische Meinung äußert. „Pure Ideologie“ seien Windräder für ihn. Im Süden gebe es einfach nicht so viel Wind wie am Meer. Das Problem aber: Mit eingeschalteter Kamera will er das nicht sagen. Er sei Immobilienmakler. Es könnte geschäftsschädigend für ihn sein, wenn Leute ihn im Fernsehen sehen und nicht gut finden, was er da sagt. Dann sei man ja gleich suspekt oder irgendwie rechts, erklärt er. Das erste Erlebnis von mehreren an diesem Tag.

Ich quatsche jeden an, der meinen Weg kreuzt. Nicht alle wollen etwas sagen, aber wenn, dann ist es pro Windkraft. Natürlich sind Fernsehumfragen nie repräsentativ. Wenn alle, die ich frage, dafür sind, dann ist es nun mal so. Zwanghaft eine angebliche Ausgewogenheit herzustellen, ist auch Quatsch. Aber wenn es andere Meinungen nun mal genauso gibt, die Menschen öffentlich aber lieber nicht sagen, finde ich das schwierig. (…)

Nächste Station: die Bäckerei. Auch die Frau hinterm Bäckertresen ist pro Windräder. Mist. Ich frage einen Kunden, der gerade davoneilen will. Windräder? Die sehe er schon kritisch. Treffer. Aber das vor der Kamera sagen? Der Blick schweift aufs BR-Logo. Nein. Er habe Angst, von uns falsch dargestellt zu werden, sagt er. Vor der Bäckerei wartet ein Bekannter von ihm, der scheint ähnlich zu denken. Also ein letztes Mal Überzeugungsarbeit: Ich sei bei Meinungen generell sehr tolerant, sage ich – und sei übrigens keine Grüne.

Warum er sich doch dazu entschlossen hat, uns etwas zu sagen, frage ich ihn dann. Wir seien ja vom BR und auch über uns sagen ja manche, wir hätten, nun ja, einen gewissen Einschlag. Er schleudert mir entgegen:

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